Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 99 (1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9607226-9602073-9602074--038-9602076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 99. Aus dem Protokolle der am Donnerstag, den 23. December 1897, stattgefunden en Vereinsversammlung der „Oesterr.-Israel. Union". Vorsitzender: Präsident Wilhelm Änninger. Schriftführer: Secretar Josef Fuchs. Nach Begrüssnng der zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste durch den Vorsitzenden, ergriff'Herr Professor Graubart das Wort zu seinem Vortrage: „Das Königthum in Israel''. Professor Graubart sagte: Das biblische Buch „Samuel", welches die Geschichte des Königthums bei den. Israeliten in seinen Anfängen ausführlich, behandelt, vermochte bisher weder Laien noch Gelehrte zu befriedigen. Das grosse Publikum will bei der Leetüre nicht nur seinen ästhetischen Sinn sondern auch sein ethisches Bedürfnis befriedigt sehen, und es scheint ihm, dass die Gerechtigkeit hier nicht auf ihre Rechnung komme. Es fällt ihm auf, dass das Buch Samuel sich ganz auf die Seite Davids stellt, während die bürgerliche alltägliche Moral, die keine höheren Rücksichten kennt, sich mehr Saul zuneigt. Es bleibt dem Leser unklar, warum Saul aus der Herrschaft verdrängt wird. Samuel, der selbst Saul zum Könige gemacht hat, schiebt ihn beiseite, und man wird versucht, ein unedles Motiv hiefür zu suchen, wie wohl doch gewiss Samuel gegen Saul nicht persönlich eigenommen sein konnte. Auch der Gelehrte findet dies und das zu bemängeln. Nur ist zu bedauern, dass die Kritiker, die eine lange Reihe von Fragen stellen, gerade über jene hinweggegangen sind, die für die Beurtheilung des Buches von wesentlicher Bedeutung ist. Wäre diese wichtige Frage aufgeworfen worden, so hätte sie alle kleineren Bedenken zum Schweigen gebracht. Halte man sich vor Augen, dass es sich um den höchsten politischen Act handelt. Israel befand sich im Zustande des Republicanismus und sollte von nun an unter einem König stehen. Eine solche einschneidende Umwälzung weist stets, wie wir wissen, erschreckende Begleiterscheinungen auf, wie Gewalt und List auf der einen, Unzufriedenheit und Empörung auf der anderen Seite. Im Buche „Samuel" aber findet der Uebergang von der Volksherrschaft zur Königsherrschaft in aller Ruhe statt. Es ist, als ob in einem Familienrathe eine Ehe oder ein ähnliches Rechtsgeschäft beschlossen wird. Samuel stellt den König vor, das Volk wählt ihn, und gleichsam im Handumdrehen ist die Republik in eine Monarchie verwandelt. Da hätte sich nun jeder fragen müssen, wie kann eine so einschneidende Veränderung ohne