Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 9 (1897)
- Issue
- 98 (12.1897)
- Date
- 1897-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Nr. 98. des allein wahren Gottes abging, sehen wir den Eid bei den Götterbildern mit heiliger Ehrfurcht behandelt, den Meineid aber mit den fürchterlichsten Flüchen belegt. Allerdings ist diese Ansicht von der Heiligkeit des Eides einem beträchtlichen Theile unserer Zeitgenossen, namentlich wenn es sich um uns Juden handelt, fremd geworden. Die Geringschätzung des Eides hat jedoch bei uns Juden nie platzgegriffen. Denn die jüdische Religion gebietet, dass nicht blos der vor Gericht abgelegte Eid, sondern auch der im gemeinen Leben, im Verkehre mit Nebenmenschen, in unseren Gesellschaften etc. geleistete Eid heilig gehalten werden müsse. Die Motivirung des Antrages des Dr. Neumayer, dass den Juden das Verständniss fehle, dass das religiöse Gefühl der Christen durch die Abnahme des Eides durch jüdische Richter auf das Empfindlichste und Rücksichtsloseste verletzt werde, widerlegt Dr. Elias dadurch, dass er nachdrücklichst betont, dass der Eid ein Act der Gottesverehrung sei, ganz unabhängig von der Sprache, in welcher der Eid abgelegt wird und von der Person, welche ihn abgenommen hat. Der Referent bemerkt, dass nicht alle Arier so ungerecht über die Juden urtheilen wie Dr. Neumayer, und beruft sich auf den bedeutenden Schriftsteller Ludwig S p e i d 1, der, um das Andenken des verstorbenen jüdischen Freundes — Ludwig Porges — zu ehren, am Allerseelentage in einem Feuilleton in gerechter, objectiver und unbefangener aber in entgegengesetzter Weise wie Dr. Neumayer über das Judenthum, über die jüdische Religion, über die Moral der Juden und insbesondere über das Buch der Bücher sich ausgesprochen hat, fügt aber zugleich den Worten S p e i d 1's hinzu, dass auch der Talmud betreffs der Moralität nicht hinter der Bibel zurückstehe. Dr.. Elias bemerkte ferner, dass der Antrag Dr. Neumayer, sowie alle im Wiener Gemeinderathe von den Consorten Dr. Neumayer's gestellten Anträge keineswegs geeignet sind, die Juden als schlechte Menschen erscheinen zu lassen, denn gerade die durch Leiden geführten Menschen sind gewöhnlich die weisesten und besten — und dass die Juden die durch Leiden geführten Menschen sind, beweisen die ebenerwähnten Anträge, die Geschichte unseres Lebens und die Geschichte der Juden überhaupt. Schliesslich glaubt der Referent, aus der Seele aller anständigen Juden zu sprechen, wenn er dem Wunsche Ausdruck gibt, dass der derzeitige Vicebürgermeister Dr. Neumayer sich den heiligen Eid, den er geleistet und der ihn allen Bürgern gegenüber ohne Unterschied der Confession verpflichte, stets so vor Augen halten möge, wie jeder anständige Jude und beantragt sohin namens des Vorstandes folgende Resolution: „Die heutige Vereinsversammlung der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" möge einerseits dem Vorstande der israelitischen