Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 9 (1897)
- Issue
- 97 (11.1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 13 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 97. 13 haltloser, als es die Anderen, welche durch Erziehung und Umgebung an die alte Ordnung gekettet waren, über sich vermochten. Deshalb finden wir sie unter den Liberalen, den Socialisten und — was für das Verständnis des Kampfes am wichtigsten ist — im Industrialismus in relativ ausserordentlichem Masse vertreten. Das gilt namentlich für Oesterreich, wo, wie schon erwähnt, das Volk für die neue Zeit ganz unvorbereitet ist, nicht einmal tüchtigen Volksschulunterricht genossen hat, so dass die Juden Oesterreichs für die neue Wirthschaftsweise viel besser präparirt waren. Die Schuld trifft natürlich nicht die Juden, sondern Jene, welche das Volk so unvorbereitet, ohne jede theoretische und practische Schulung Hessen. Aber thatsächliche Folge war es, dass die Juden dadurch nicht blos in einzelnen Personen, sondern geradezu als Classe Anhänger der modernen Ordnung sowohl in politischer, als in socialer und wirtschaftlicher Richtung sind und das wurde nun von den Leitern der Reaction ausgenützt, um den Kampf gegen die Moderne in einen Kampf gegen Juden und Anhänger von Juden zu verfälschen. Alles, was modern denkt, wird Jude genannt; deshalb spricht man von Judenliberalen und Judensocialen. Es ist im Grunde eine Beleidigung des gesammten europäischen Volkes, dass man dem kleinen Judenvölkchen einen so gewaltigen Einfluss zutraut. Wohl aber mag es von der erstaunlichen Denkkraft zeugen, welche dieses Volk unter dem furchtbaren Druck eines rohen Fanatismus aufzuspeichern wusste, dass, als die neue Bewegung des Socialismus auftrat, zwei Juden ihr den wissenschaftlichen Charakter aufdrückten! So ist der Antisemitismus zu begreifen als eine zweite Rückströmung einer untergehenden Gesellschaftsordnung, als Beweis der Uebergangsperiode, in der wir uns befinden. In dieser Uebergangsperiode befinden sich aber auch die Juden selbst. Sie schleppen noch die Kette des alten Schutzjudenthums nach. Ich will nicht von den mancherlei socialen Erscheinungen sprechen, in welchen sich dies ausspricht, von dem Schwanken zwischen Demuth und Hochmuth, von dem Haschen der reichen Juden nach Orden und Adel und nebstbei ihrer Kriecherei gegenüber einer Grafen- oder Fürstenkrone. (So ist es!) Aber so wie bei den Christen, sofinden wir auch bei den Juden heu'e eine Reaction, eine confessionelle und eine nationale. Wenn Mannheimer heute nach Wien käme, würde er in dem Kampf gegen die alten Vorurtheile und Ceremonien nicht mehr so einmüthig durch die Intelligenz getragen sein. Eine grosse Menge von ihr würde sich hinter Ausflüchte verbergen: man dürfe das Ceremoniell doch nicht so ganz missachten, das Volk verstehe die Religion nur durch das Ceremoniell, man könne eines von dem anderen nicht scheiden, und wie sie sonst lauten, die bekannten Nothhejfer des religiösen Rückschritts. Die grosse Lehre Rabbi Hillers, das Judenthum bestehe einzig darin, dass man den Nächsten liebe wie sich selbst, wird derzeit von der Intelligenz nicht mehr vertreten. Daneben