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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1897-11-01 · 97 (11.1897) · p. Seite 12

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
9 (1897)
Issue
97 (11.1897)
Date
1897-11-01
Page
Seite 12 (sequence 17)
Language
German
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12 Nr. 97. um die Existenz erhalten könne, ihnen diese Mittel nach Möglichkeit auch zu bieten. Da die liberale Partei ihre Pflicht nicht erfüllt hat, so hat das Volk Anderen, leider zunächst Quacksalbern, Gehör geschenkt. Der Kranke, den der Arzt aufgibt, geht zum Wundermann. Deshalb findet der Antisemitismus jetzt auch noch in solchen Kreisen Anhang, welche nicht reactionär sind, sondern nur antiliberal in dem Sinne, dass sie der liberalen Partei opponiren, dass sie staatliche Fürsorge für ihr Interesse verlangen. War ja deshalb sogar ein grosser Theil der Lehrer antisemitisch! Bei den alten Patriciern und Beamten höherer Classe wirkte wieder ein anderes Gefühl* Der grosse Reichthum der Industriellen verdunkelte ihr Ansehen, erzeugte eineu Luxus, den sie nicht bestreiten konnten; sie empfanden sich zurückgesetzt und gingen in die Opposition. Warum nennt sich aber die Bewegung antisemitisch? Aus einem einfachen Grunde. Clerical durfte man sich nicht nennen und alles Uebrige zog nicht. Lueger hatte eine Wirthschaftspartei gegründet, das Wort zog nicht. Mau erfand das Wort „antiliberal"; es zog nicht. Auch die Bezeichnung christlieh-social, welche ja der officielle Name der Partei ist, wirkte nicht. Aber der alte, von den Katecheten im Religionsunterricht, durch die Phrase, die Juden hätten Christum gekreuzigt, immer wieder neu entfachte Judenhass war in der Gesellschaft und wirkte. Von allem, was das clericale Regiment dem Volk geboten hatte, konnte nichts zum Schlagwort erhoben werden als der Judenhass — ein beredtes Zeugniss für seine veredelnde Kraft! Wie kam aber der Judenhass zu einer socialen Bedeutung? wie kam d?s kleine Völkchen der Juden dazu, in die Mitte des Kampfes gestellt zu werden? Die Juden gaben wohl ^eit ihrer Gleichstellung manchen Anlass, dass namentlich die an Behaglichkeit gewohnte Bevölkerung von Wien gegen sie erregt wurde. Im Jahre 1848 waren 10.000—15.000 Juden in Wien, heute sind es über 100.000. Daraus kann gegen die Juden selbstverständlich kein Vorwurf abgeleitet werden. Sie machten begreiflicherweise von der Freizügigkeit ergiebigen Gebrauch und aus wohlverständlichen Gründen war namentlich ein starker Zug nach Wien Aber die Wiener bekamen dadurch Concurrenten, die zugleich sehr tüchtig waren. Sie wurden unangenehm aus ihrer Behaglichkeit aufgestört. Das Sichgehenlassen, das wochenlange Vertrösten der Kunden, die Sorglosigkeit betreffs der Preise, all das wurde durch die Concurrenten beeinträchtigt. Und wenn dies auch volkswirtschaftlich sehr nützlich war, die Gestörten waren doch gegen den Störer aufgebracht. Trotzdem ist die persönliche Gereiztheit gegen die Juden nicht ausschlaggebend gewesen. Aber es war selbstverständlich, dass die Juden, welche in der neuen Gesellschaftsordnung iure Erlösung fanden, sich mit aller Begeisterung und Kraft der modernen Bewegung anschlössen, rück-

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