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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1897-11-01 · 97 (11.1897) · p. Seite 14

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
9 (1897)
Issue
97 (11.1897)
Date
1897-11-01
Page
Seite 14 (sequence 19)
Language
German
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u Nr. 97. 4st aber Doch eine neue nationale Reaction aufgekommen — die jüdisch-nationale Idee. Worin unterscheidet sie sich denn von der Heilsidee? Wer sich selbst national abschliesst, kann dem Anderen hieraus keinen Vorwurf machen. (Widerspruch.) Das Schutzjudenthum, von dem ich sprach, zeigt sich auch öfters in der politischen Haltung. Indem soeben vorgetragenen Rechenschaftsberichte Ihres Vorstandes heisst es z. B., das Programm der Socialpolitiker hätte seinen Beifall gefunden, und er sei deshalb bei den Landtagswahlen für die Socialpolitiker eingetreten. Sie hätten sich aber dann nicht scharf genug gezeigt und so habe man bei der Reichsrathswahl die Liste gemischt. Ja, glaubten Sie wirklich, dass wir in vier Wocheu den Antisemitismus vernichten könnten? Wenn man Jemandem sein Vertrauen schenkt, muss man doch annehmen, dass er ein ehrlicher Mensch ist, mm muss ihm auch gestatten, seine Ueberzeugung in seiner Weise zum Ausdrucke zu bringen. Wenn nun ein Mann wie Professor Philippovich wiederholt und ausdrücklich erklärt hat, ein Feind des Antisemitismus zu sein, wie können Sie ihn als halben oder ganzen Antisemiten bezeichnen, weil er in einer gegen die Antisemiten gehaltenen Rede deren frühere Haltung im Reichsrathe ihrer gegenwärtigen im Landtag entgegenstellte und dabei Worte gebrauchte, welche er zur Darstellung des Gegensatzes für wirksam hielt? Das Allerwichtigste ist aber das Verhältnis der Juden zur socialen Frage, zu den Forderungen der Arbeiter. Man kann daraus, dass sie am 9. März für die Arbeitercandidaten eingetreten sind, keinen Schluss auf ihre Sympathie für die Arbeiter ziehen; denn damals hat es sich um den Kampf gegen den Antisemitismus gehandelt. Ihr Interesse an dem Schicksal der b3sitzlosen Classe muss aber positiv sein. Vergessen wir nicht, dass die Juden seit Beginn von der Tradition getragen sind: „Gedenke, dass du ein Knecht warst im Lande Egypten!•', dass sie damit angewiesen sind sich stets auf die Seite der Bedrückten zu stellen. Man hält derzeit jeden für einen Anarchisten, der eine Begrenzung der Unterschiede von Reich und Arm befürwortet. Nach der Verfassung Mo us aber wurde nach 50 Jahren Alles wieder in den früheren Stand versetzt und durch eine Reihe socialpolitischer Vorschriften für die Armen gesorgt, nicht im Wege eines Almosens, sondern im Wege Rechtens. Müssen wir aber so weit zurückblicken, um zu wissen, wo unser Platz ist? Wie lange ist der gelbe Fleck verschwunden, den die Juden tragen mussten, um sofort vom ehrlichen Christenvolk unterschieden werden zu können? Durch seine Vergangenheit, durch die Gegenwart, aber auch durch die Zukunft, die ihm bevorsteht, je nachdem Mittelalter oder Neuzeit siegt, ist der Jude angewiesen, mit dem Arbeiter zu gehen, mit seinem Leidensgenossen, der, sowie er selbst, mit allen Interessen an die neue Zeit, an die Gleichberechtigung aller Staatsbürger geknüpft ist. Der Jude muss für eine Gesellschaftsordnung

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