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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1897-11-01 · 97 (11.1897) · p. Seite 11

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
9 (1897)
Issue
97 (11.1897)
Date
1897-11-01
Page
Seite 11 (sequence 16)
Language
German
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Nr. 97. 11 werden — selbstverständlich; auch die confessionellen Hindernisse der Gleichheit Hess man mit einem Seufzer fallen. Aber die wirtschaftlichen Unterschiede, die mussten ebenso selbstverständlich bleiben; das Wahlrecht gemeiner Arbeiter, die nicht einmal 10 fl. Steuer zahlen, war Umsturz. Da war der Grundsatz der Freiheit plötzlich vergessen, und das Interesse der Classe kam allein in Betracht. Darin unterscheidet sich nun der Socialismus von dem Liberalismus; er erklärt, die Freiheit müsse auch auf den kleinen oder gemeinen Mann, wie er genannt wird, ausgedehnt werden. Der Socialismus als System ist aber mit der Socialdemokratie als politischer Partei nicht zu identificiren; er ist von ihr ebenso verschieden wie der Liberalismus von einer, auch ehrlichen liberalen Partei. (So ist es!) Jede Partei hat gewisse concrete Rücksichten zu nehmen, muss Parteiinteressen vertreten oder doch schonen; nie kann ein System in voller Reinheit von einer Partei durchgeführt werden. Während der Marxismus davon ausgeht, die grosse Masse der Bevölkerung müsse proletarisirt werden, die Entwicklung der Gesellschaft verlange, dass einer kleinen Menge, welche immer reicher weide, eine grosse Menge, die immer ärmer wird, gegenüberstehe, gehe ich von dem Gedanken aus, dass wir allerdings den Gang der Ereignisse nicht, bestimmen können, dass wir aber dahin streben müssen, nicht den Bürger zu proletarisiren, sondern den Proletarier zum Bürger zu erheben. (Beifall.) Liberalismus und Socialismus zusammen, repräsentirt die politische Moderne; wirthschaitlieh wird dieselbe durch den Industrialismus vertreten, d. h. durch eine Betriebsweise, welche mit grossem Capital und organisirtem Credit arbeitet, mit Maschinen und einer centralisirten Arbeitermasse, welche sich auch bei Anschaffung und Absatz den Weltverkehr zu Nutzen macht und einen fremden Erdtheil für näher findet, als es früher die nächste Stadt war. Wenn Liberalismus und Socialismus die alten politischen Gewalten, die Hofpartei, den hohen Clerus und den Feudaladel zu grimmigen Feinden haben müssen, so rnusste der Industrialismus zunächst den Handwerkerstand gegen sich aufbringen, weil derselbe von einer Bewegung überrascht wurde, die er nicht versteht, die er nicht meistern kann, die ihn in seinem Erwerb wesentlich schädigt. Dass sich aber jeder wehrt, wenn es sich um seine Existenz handelt, dass er sich nicht damit trösten lässt, es seien die Ereignisse an Allem schuld, ist begreiflich und darf ihm nicht verübelt werden. In Oesterreich, wo das clericale Regiment geradezu darauf ausging, das Volk nicht zu unterrichten, war die allgemeine Hilflosigkeit um so grösser und unsere Handwerker sind in der That geistig sowie wirthschaftlich wehrlos gegenüber der furchtbaren Gewalt, die in der Maschine auf sie einstürmt. Es wäre nun Pflicht der liberalen Partei gewesen, (die socialpolitische Partei lässt sich dies heute nach Kräften angelegen sein) den Gewerbetreibenden zu zeigen, dass sie mit ihnen empfinde und nach Mitteln suche, damit der Bürgerstand sich im Kampfe

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