Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 9 (1897)
- Issue
- 97 (11.1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Nr. 97. die unter das Volk ging und ihm politisches Interesse einflösste. Die liberale Partei hatte ihre Thätigkeit auf die Wähler, d. b. auf die Personen beschränkt, die mehr als 10 fl. Steuer zahlten. Die Fünfguldenmänner verdankten ihr Wahlrecht nicht der liberalen Partei, sondern ihrem Gegner Taaffe und so war es natürlich, dass dieselben d. h. die Handwerker und Bauern, als sie politisch thätig wurden, Gegner der liberalen Partei waren. Diese Gegnerschaft war aber bekanntlich die Grundlage für die Bildung der antisemitischen Partei. Sie war die „Opposition"; das politisch unerfahrene Volk frug nicht nach Anderem. Die antisemitische Bewegung wird aber deshalb niemals das demokratische Princip, das Vereins- und Versammlungsrecht, oder die Gemeindeautonomie angreifen können, selbst wenn sie als herrschende Partei wollte. Dadurch ist sie aber in ihrer ganzen Bewegung gehemmt. Sie kann nicht so weit zurück, wie ihre Vorgängerin von 1850, weil sie auf anderer Grundlage ruht, weil sie den Ständen, auf welche sie sich stützt, Versprechungen modernen Charakters gegeben hat. Sie getraut sich darum auch nicht, sich clerical zu nennen, und ihre Leiter verwahren sich jetzt noch dagegen, mit der clericalen Partei identificirt zu werden; sobald sie durch die Thatsachen dazu gedrängt, wird, sich als clerical zu bekennen, ist sie am Anfang ihres Ende. (Widerspruch). Ich erinnere daran, dass selbst Dr. Gessmann und Gregorig sich wiederholt auch im Landtag dagegen verwahrt haben, Clericale zu sein, und dass Wilh. v. Berger mit seinem Antrag, man solle der Wahrheit die Ehre geben und sich clerical nennen, von der Partei niedergeschwiegen wurde. Die antisemitische Bewegung wäre auch in ihrer heutigen Structur nie entstanden, wenn nicht das moderne Leben eine Reihe socialer und wirtschaftlicher Veränderungen hervorgebracht hätte, durch welche die dermaligen Träger des Antisemitismus: alte Patricier, Beamte und Kleingewerbetreibende in ihrer Existenz gedemüthigt oder gefähidet werden. Das führt mich dazu, die begrifflichen Träger der modernen Bewegung kurz zu zeichnen. Es sind dies der Liberalismus, der Socialismus und der gewöhnlich als Capitalismus bezeichnete Industrialismus. Der Liberalismus als System wird vielfach verkannt und mit Unrecht verlästert. Er war eine rein kritische, negative Bewegung, eine Erhebung gegen die mittelalterliche Ordnung; ihr setzte er das freie Individuum entgegen. Wäre er in seiner Reinheit fortgesetzt worden, so wäre der Socialismus nichts Anderes als seine moderne Ergänzung. Was den Liberalismus um seine Volkstümlichkeit bringen musste, war, dass er das Programm einer Classe der Bevölkerung wurde, welche unter seiner Flagge ihre sehr egoistischen Sonderinteressen vertrat. Dies waren die Plutokraten, die durch die moderne Industrie reich gewordenen Grossunternehmer. Sie führten den Liberalismus gerade so weit aus, als ihr Interesse es wünschenswerth machte. Der Adel sollte abgeschafft