Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 9 (1897)
- Issue
- 97 (11.1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Nr. 97. Dar Paria dieser Gesellschaft war der Jude. Mit einer raffinirten Grausamkeit hat die Religion der Liebe von Anfang an die Juden verfolgt. Seitdem die Tochterreligion sich von der Mutter losgelöst hatte, ergriff man alle Mittel um zu verhindern, dass man beide Religionen mit einander verwechsle. Man begnügte sich aber nicht damit, den Sabbath auf den Sonntag, das Passah- und das Wochenfest auf andere Tage zu verlegen und ihnen andere Bedeutung zu geben u. dgl. mehr, sondern man fachte insbesondere auch einen fanatischen Hass gegen die Mitglieder der Mutterreligion an und schürte ihn auf alle Weise. Eine Anzahl von Evangelien stammt bereits aus dieser Zeit, und darum finden wir bei ihnen, nicht dass die Römer, auch nicht dass die Pharisäer, sondern dass die Juden Christum gekreuzigt hätten. Als ob nicht Juden auf beiden Seiten gewesen wären, als ob es sich nicht um einen national-jüdischen Aufstand gehandelt hätte, der später unter Bach-Kochba mit grösserer Heftigkeit wiederholt und mit grösserer Grausamkeit niedergeschlagen wurde! Wenn auch neben den Juden Heiden und Ketzer als Objecto des Fanatismus hingestellt wurden, so waren es doch besonders die Juden, gegen die man auch das weltliche Schwert gewann. Man presste sie in das Ghetto, versperrte ihnen jeden ehrlichen Erwerb und gab ihnen das schändende Privilegium des unehrlichen Erwerbs, des Wuchers. So erzog man in den Juden ein Volk mit eigenartigen Anlagen, Tugenden und Fehlein, die aber nicht von der Rasse kamen; denn die Juden gehören nicht einerlei Rassen an. Die Eigenschaften des Schutzjuden waren vielmehr Product des socialen Zwanges. Der Schutzjude musste sich durch Hass und Verachtung, durch Spott und Hohn und Uebermuth durchringen, ohne sich vertheidigen zu dürfen. Wenn er leben wollte, musste er klug sein wie die Schlange. Dabei war aber das jüdische Volk durch seinen Glauben so gestärkt, dass es nicht gedemüthigt, sondern stolzer wurde, der Verachtung Verachtung entgegenstellte und sich weit mehr als früher als das auserwählte Volk Gottes fühlte. Zugleich hatte sich das Volk eine so hohe Gultur erhalten, dass zur Zeit, wo der deutsche Ritter noch nicht seinen Namen schreiben konnte, jedes jüdische Kind lesen und schreiben und viele mit 13 Jahren einen Folianten studiren konnten. Es muthet wie eine logische Selbstbestrafung an, dass gerade durch die verschiedenen Mittel der Unterdrückung das jüdische Volk mit allen jenen Gaben ausgerüstet wurde, welche in der modernen Gesellschaft verlangt werden und zum Erfolge führen. Man zwang sie, ein Geld- und Handelsvolk zu werden, was sie in ihrem Lande nie waren. Man erzog sie später, als man ihnen ein kleines Stück Freiheit gab, zu Fabrikanten, weil die Industrie" als neue Erwerbsweise der Zunft nicht unterstand und tolerant war, während die Zunft nach wie vor die Juden ausschloss. Bis zum Jahre 1848 blieb diese Gesellschaftsordnung in Oesterreich herrschend. Im Jahre 1848 erhielt sie den tödtlicaen