B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 6 (6.1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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169 Daraus sehe ich, daß die Mutter niclht alle Kinder selbst nähren konnte und daß sich damals Eltern noch über die Geburt eines sechsten Kindes freuten, wie die meinen gewiß auch später über die weiteren drei. Wie mein Vater in meiner Erinnerung lebt, so sah er dem Bilde, das wir von ihm besitzen —es ist die Reproduktion eines alten Bildes — nicht sehr ähnlieh. Er trug einen schwarzen Backenbart mit ausradiertem Kinn und war mittelgroß. Seine Schulbildung konnte, wie es damals allgemein der Fall war, nicht groß gewesen sein, immerhin sprach und schrieb er gut deutsch und führte seine Bücher einfach1 aber tadellos. Er war rastlos tätig und sehr intelligent, sprach auch gut böhmisch ohne den jüdischen Akzent, den das Böhmische der damaligen Juden sonst hatte. Bei seiner Kundschaft sowie in der ganzen Umgebung war er sehr geachtet und beliebt. Wir Kinder hatten großen Respekt vor ihm, otozwar ich mich kaum erinnere, daß er uns strafte, aber ein Blick, eine Rüge von ihm verfehlte niemals die Wirkung. Die Ehrfurcht vor dem Vater wurde uns besonders durch die Mutter eingeprägt, sowie die Liebe zur Mutter durch den Vater. Meine Mutter hatte viel weniger Schulbildung genossen, sie schrieb z. B. nur jüdisch und lernte erst viel später, als schon die Kinder außer Hause waren, deutsch schreiben, um mit ihnen korrespondieren zu können. Mein Vater legte sehr viel Wert auf die Bildung der Kinder und es waren, sobald die ersten Kinder schulpflichtig waren, immer Hauslehrer im Hause. Auf die religiöse Erziehung der Kinder wurde viel Gewicht gelegt, sie stand aiber nicht an erster iSteile, die Schul- und allgemeine Bildung war die Hauptsache. Mein Vater war fromm, aber durchaus nicht orthodox. Wir lernten bei den Hauslehrern Hebräisch und wurden jeden Samstag in Gegenwart des Vaters geprüft. Jeden Freitag abends machte mein Vater Kidusch und schnitt das Barches an, am Samstag abends machte er Hawdalah. Die jüdischen Feiertage wurden sehr festlich begangen. Besonders am Pessach der Seder. Wenn wir da alle Kinder und auch sonstige Hausgenossen, die Wirtschafter, das Ladenmädclhen und die Köchin um den Tisch saßen und der Vater die Geschichte von dem Auszug der Juden aus Ägypten erzählte, da hörten wir aufmerksam zu und lasen mit. Auch an heiteren Momenten fehlte es nicht. Wenn der Vater mit den Worten: „Seht das Brot des Elends!" auf die Mazzes hinwies, da dachten wir Kinder, .die die ganze Woche aus der Riesenkiste im Vorzimmer die Mazzes knabberten, daß dies Brot nicht gar so elend sei, und wie fühlten wir uns gehoben, wenn wir vier Becher Wein trinken durften, die freilich in ihren Dimensionen der Größe der Kinder angepaßt waren! Die jüngsten hatten nur ein Likörgläschen vor sich. Wenn dann (bei der Knödelsuppe einer den Witz machte, das sei zum Andenken an die Kanonenkugeln, mit denen die Ägypter den Juden nachschössen, dann wurden die jüngsten ausgelacht, die den Anachronismus nicht verstanden.