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B'nai B'rith · 1926-06-01 · 6 (6.1926) · p. Seite 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
6 (6.1926)
Date
1926-06-01
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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170 Wie fühlte sich so ein jüngster stolz erhaben, der zum ersten Male die Manischtane fragen durfte, und wie erwachsen fühlte er sich, wenn nächstens ein jüngerer an seine Stelle trat. Wenn 'dann am letzten Abend die Hawdalah vorüber war und wir jeder ein Butterbrot und ein Glas Bier erhielten, freuten wir uns des lang entbehrten Genusses, ob zwar wir sonst das ganze Jahr kein Bier bekamen. Sehr feierlich war der Neujahrsabend, an dem wir Kinder alle mit schön geschriebenen Glückwünschen mit Handkuß und Kuß den Eltern gratulierten, festlich gekleidet und in wahrer, feierlicher Festesstimmung. Nicht wenig trug dazu das festliche, vortreffliche Mahl bei. Aus meiner früheren Jugend erinnere ich mich, daß wir an den hohen Feiertagen nach Hefman-Mestec in den Tempel gingen. Wenn ich heute noch mir eine wahre Andacht vorstellen will, so verkörpert sich mir dieselbe am besten, wenn ich mir meinen Vater betend vorstelle. Er las still die Gebete, er unterbrach dieselben nie durch -Gespräche mit den Nachbarn, er betete nicht laut oder gar mit Gesang wie andere, es war stets der Ausdruck wahren innigen Gottesglaubens, wenn er betete. Dabei war er liberal in seinen Anschauungen, er wollte auch seinen Kindern die Frömmigkeit nicht aufdrängen. Wenn wir Knaben Bar-Mizwah geworden waren, da fragte die Mutter uns oft. olb wir auch Tefilin gelegt hätten, mein Vater fragte nie danach. Später richtete der Vater einen Gottesdienst im Hause bei uns ein. An allen Feiertagen kamen die Juden aus der Umgebung zum Gottesdienste zu uns und wurden danach mit einem Gabelfrühstück, am Jomkippur abends mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Einen großen Schmerz erlitten meine Eltern als im Jahre 1859, ich war damals zehn Jahre alt, meine zwei ältesten Brüder im Dorfteiche beim Baden ertranken. Der älteste. Alexander, war ungefähr 20 Jahre alt und nach Absolvierung der Realschule im Geschäfte tätig, der zweite, Salomon, der für das Studium der Technik bestimmt war. war zirka 17 Jahre alt und auf Ferien zu Hause. Die beiden waren in Begleitung des Wirtschafters abends noch baden gegangen und wurden erst am Morgen vermißt. Ich erinnere mich sehr wohl, wie ich neben meinem Vater am Rande des Teiches stand, der abgelassen wurde, um die Leichen zu finden. Das ganze Dorf war um den Teich versammelt. Mein Vater stand vom Teiche abgewendet, tiefer, verzweifelter Schmerz sprach au« seinen Zügen, er wollte ihn aber nicht zeigen und wendete sein Gesicht von der Menge ab. Als später die Leichen im Zimmer aufgebahrt lagen, da jammerte die Mutter und die Schwester laut, mein Vater aber ließ seinen tiefen Schmerz nicht laut werden, obwohl sein ganzes Wesen von demselben sichtlich durchwühlt war. Als ich zu 13K Jahren unter persönlicher Leitung meines Vaters die Landwirtschaft lernte und im beständigen Kontakt mit ihm war. da lernte ich erst sein ernstes und gediegenes Wesen kennen. Er war seinen Leuten gegenüber immer freundlich und auch sehr beliebt. Er wurde von ihnen „Pantatinek", d. h. Herr Vater, so wie die anderen

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