B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 6 (6.1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Erinnerungen. Von Leopold Jerusalem. Die nachfolgenden Aufzeichnungen unseres verstorbenen Großvizepräsidenten Leopold Jerusalem haben für uns nicht nur darum Interesse, weil uns ihr Verfasser menschlich nahe stand. Sie bieten vielmehr in ihrer Beobachtungsfülle ein einprägsames Bild vom ehemaligen Leben der böhmischen Landjuden (wie jüngst die Erinnerungen des Br. Großpräsidenten Ehrmann) und geben manches über die Entwicklung des Judentums in wenigen Jahrzehnten zu denken. Stärker als kulturhistorische Bücher läßt uns die schlichte Wirklichkeit solcher Erinnerungen den Haucli der vergangenen Zeit verspüren. Mein Vater Markus Jerusalem war, wie ich glaube, schon in üfenitz geboren, wo mein Großvater die dortige Branntweinbrennerei und das damit verbundene Sehnapsgescihäft führte. Damals,- bis zum Jahre 1848, war das Recht. Schnaps zu erzeugen und zu verkaufen, die isogenannte Pmpination. dem Gutsbesitzer, der die Patrimonialgerichtsbarkeit der betreffenden Gemeinde besaß, vorbehalten und dieses Recht wurde mit der Brennerei von demselben verpachtet. So war mein Großvater und nachher mein Vater Pächter dieser dem Medleschitzer Baron gehörigen Propination gewesen. Nach dem Jahre 1848 kaufte mein Vater die alte Brennerei dem Gutsbesitzer ab. Er vergrößerte dieselbe, baute einen großen Stall dazu, anch ein Laden, welchen die Mutter führte, war dabei, wo alles zu haben war, was man in so einem Dorfe brauchte. Die Wohnung in dem Branntweinhause war eine sehr beschränkte. Da war das Schlafzimmer der Eltern, daneben von der einen Seite ein kleines Zimmerohen, in welchem die zwei größeren Mädchen schliefen, von der anderen Seite eine große Stube, in der auch gekocht wurde und wo immer drei der kleinen Kinder schliefen. Da wir neun Kinder waren, die alle in dem Branntweinhause geboren wunden, mußte später für den Hauslehrer und zwei erwachsene Knaben eine Dachkammer adaptiert werden. Die Vermögens Verhältnisse scheinen sich von Jahr zu Jahr gebessert zu haben. Mein Vater kaufte immer wieder Felder zu, so daß der Besitz sich um die Zeit der Geburt meines jüngsten Bruders Wilhelm, oder bald nachher, auf ca. 25 Hektar, das ist die Größe eines mittelgroßen Bauerngutes, belief. Da doch der Ranm für die große Familie zu eng wurde, so baute mein Vater an einer anderen Stelle des Dorfes ein einstöckiges Wohnhaus mit Magazinen und Wirtschaftsgebäuden, welches einen sehr stattlichen Eindruck machte. Uns Kindern wenigstens kam es wie ein Palast vor. Ich erinnere mich noch der Einweihung dieses Hauses, welche festlich und mit religiösen Formen begangen wurde. Im neuen Hause hatte die große Familie genügend Raum, auch wohnte bei uns die Mutter meines Vaters. Mein Großvater war kurz vor meiner Geburt gestorben, ich erhielt seinen hebräischen Namen. Meine Mutter erzählte einmal, wie sich der Vater über die Geburt eines Sohnes freute, dem er den Namen seines Vaters geben konnte und er sagte zur Mutter: „Den wirst du aber selbst nähren, nicht wahr?"