B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 4 (4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 121 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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121 dienstbar gemachten Triebkomponenten ragen die der Sexualtriebe — im engeren Sinne — durch Stärke und Wildheit hervor. Wehe, wenn sie befreit würden; der Thron würde umgeworfen, die Herrin mit Füßen getreten werden, Die Gesellschaft weiß dies und — will nicht, daß davon gesprochen wird. , Aber warum nicht? Was könnte die Erörterung schaden? Die Psychoanalyse hat ja niemals der Entfesselung unserer gerne in schädlichen Triebe das Wort geredet; im Gegenteil gewarnt und zur Besserung geraten. Aber die Gesellschaft will von einer Aufdeckung dieser Verhältnisse nichts hören, weil sie nach mehr als einer Richtung ein schlechtes Gewissen hat. Sie hat erstens ein hohes Ideal von Sittlichkeit aufgestellt, — Sittlichkeit ist Triebeinschränkuing, — dessen Erfül Iung sie von alten ihren Mitgliedern fordert, und kümmert sich .nicht darum, wie schwer dem einzelnen dieser Gehorsam fallen mag. Sie ist aber auch nicht so reich oder so gut organisiert, daß sie den einzelnen für sein Ausmaß an Triebverzicht entsprechend entschädigen kann. Es bleibt also dem Individuum überlassen, auf welchem Wege es sich genügende Kompensation für das ihm auferlegte Opfer verschaffen kann, um sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Im ganzen ist er aber genötigt, psychologisch über seinen Stand zu leben, während ihn seine unbefriedigten Triebansprüche die Kuituranforideruugem als ständigen Druck empfinden lassen. (Somit unterhält die Gesellschaft einen Zustand von Kulturhewchelei, dem ein Gefühl von Unsicherheit und ein Bedürfnis (zur Seite gehen muß, die unleugbare Labilität durch dais Verbot der Kritik und Diskussion zu schützen. Die Psychoanalyse deckt die Schwächen dieses Systems auf und rät zur Änderung desselben. Sie schlägt vor, mit der Strenge der Triebverdrängung nachzulassen und dafür der Wahrhaftigkeit mehr- Raum zu geben. Gewisse Triebregungen, in deren Unterdrückung die Gesellschaft zu weit gegangen ist, sollen zu einem größeren Maß von Befriedigung zugelassen werden, bei anderen soll die unzweckmäßige Methode der Unterdrückung auf dem Wege der A^erdrängung durch ein besseres und gesicherteres Verfahren ersetzt werden. Auch .rein äußerliche Schwierigkeiten haben dazu beigetragen, den Widerstand gegen die Psychoanalyse zu verstärken. Bis vor kurzem gab es keine bequem zugängliche Gelegenheit, die Psychoanalyse und ihre Technik zu erlernen. Das hat sich jetzt durch die Gründung der Berliner Psychoanalytischen Polyklinik und Lehranstalt (1930) zum Besseren gewendet. Bald nachher (1923) ist in Wien ein ganz ähnliches Institut ins Leben gerufen worden. Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser Art ist nur selten laut geäußert worden; wir sind leider so argwöhnisch geworden, daß wir nicht umhin können zu vermuten, der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung, geblieben. Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit. das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen."