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B'nai B'rith · 1926-04-01 · 4 (4.1926) · p. Seite 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
4 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 119 (sequence 33)
Language
German
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119 des Unbewußten. Aber die Macht des Verdrängten .hört nicht auf. Unter irgend einer Maske sucht es wieder emporzutauehen oder seiner Energie Geltung zu verschaffen. Nun leben wir osteuropäische Juden seit den Tagen der Emanzipation, da in die jüdische Welt die außerjüdische mit ungeheuerer Erlebnisgewalt einbrach, gleichzeitig in zwei Bewußtseinskreisen: im jüdischen, dem wir schicksalhaft izugehören und der nur durch uns wird und ist, und im allgemeinen Bewußtseinskreis, in den wir als Mitwohnende spät aufgenommen wurden. Das Bewußtsein des jüdischen Kreises sagt uns, daß wir aus einer andern Geschichte kommen, als die nicht jüdischen Menschen rings um uns und daß an ihr die über alle Welt zerstreuten, ihren Sitten nach noch so verschiedenen Juden Anteil haben. Und wenn irgendwo in der Welt Juden als Träger dieser Geschichte ein großes Glück oder Unglück erfahren, so fühlen wir es nicht nur so, wie eben Menschen mit Menschen mitfühlen, sondern in einer unmitteilbareren, persönlicheren Weise, wie etwas, das uns als Juden widerfahren ist. Allein gleichzeitig lebt in uns das Bewußtsein, daß wir offenen Herzens und mit ganzer Hingabe dem Kreise zugehören, in welchem wir wirtschaftlich, gesellschaftlich und geistig leben. Weil aber die Übermacht dieses ..allgemeinen'' Kreises, in dessen Zeichen unsere ganze Ausbildung nun einmal steht, schon durch die sichtbare Realität den stärkeren Erlebniswert bekam und weil die einheitlichere Struktur des nichtjüdischen Bewußtseins beneidetes Vorbild wurde, begann jener Prozeß, der idie Geschichte des ganzen vorigen Jahrhunderts erfüllt: die Verdrängung des jüdischen Kreises von der Oberfläche des Bewußtseins. Aber so wie verdrängte Gefühle keineswegs tot sind, sondern gerade mit unheimlicher Gewalt das Otoerbewußtsein bestimmen, so standen die Juden in ihrem stündlichen Tun und Denken unter dem fortwährenden Drucke des mehr oder weniger verdrängten Judentums. Auf alle mögliche Weise suchten sie von diesem ständigen Druck loszukommen. Sie betäubten ihn durch lärmende Üfoertönung des ^allgemeinen" Kreises, durch die iSucht, ihre unangenehme geschichtliche Dunkelheit mit blendenden Leistungen wettzumachen, durch unruhiges Hasten nach aJblenkenden Zielen, durch Europäisierung jüdischer Lebensformen, durch Reduzierung des Judentums auf ein philosophisches System. Am der ständigen seelischen Spannung, in der die Juden leben, ist ihre ungeheuere geistige Beweglichkeit und gleichzeitig ihre innere Unsicherheit, ihr Vordrängen und ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihre Ironie und ihre Nervosität zu erklären. Darum verstand der Jude aus seiner Situation heraus das psychoanalytische Problem. Er wußte schon von seiner Schulzeit her, was das heißt, vor Bewußtseinstatsachen auf der Hut sein. Verdrängung war im westeuropäischen Judentum endemisch geworden. So gesehen, erscheinen die modernen Bewegungen des Judentum* — nicht die einer Partei, sondern des Judentums auf der ganzen Linie — als elementarer Gesundungsproizeß eines falsch behandelten Organismus. SobaJld man das Judentum nicht mehr als Zeremonie oder phi-

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