Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1926-04-01 · 4 (4.1926) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
4 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 112 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9598440-9598535--1051-9598561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

112 und auf jedem Umweg zur Befriedigung zu gelangen. Daher die Labilität des stolzen psydhisehen Oberbaues, der nächtliche Vorstoß des Verpönten und Verdrängten im Traume, die Eignung an Neurosen und Psychosen zu erkranken, sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen Ich und dem Verdrängten zu Ungunsten des Ichs verschiebt. Es wirkte peinlich, als entdeckt wurde, daß sexuelle Triöbregungen eine große Rolle in der Verursachung der Nervenkrankheiten spielen, und doppelt peinlich, daß auch das bis dahin als rein geltende Kind im weiteren Sinne des Wortes sexuelle Regungen zeige. Die menschliche Gesellschaft, welche ihre Kultur durch die Möglichkeit einer Befreiung der Sexualtriebe bedroht fühlt, möchte solche Resultate von vornherein als unmoralisch verwerfen, und ist rasch geneigt, etwas für unrichtig zu halten, was sie nicht mag. Auf Unterdrückung von Trieben, lehrt die Analyse, ist alle Kultur zurückzuführen; jedes einzelne Menschenkind kommt sozusagen wie ein kleiner „Wilder" auf die Welt, und muß denselben Weg durchschreiten, wie die ganze Menschheit von ihren primitiven Uranfängen. Unsere heutigen Tugenden, viele unserer wertvollsten geistigen Leistungen und sozialen Institutionen verdanken ihre Entstehung der Umwandlung ursprünglich böser und asozialer Triebe; so die Religion, die Moral. Wahrhaftig, die Funde und Bestätigungen der Psychoanalyse waren erschütternd, stießen alte beschönigende Vorurteile um; es war nicht jedermanns Sache, Freud ins inferno zu folgen, der an der Unterwelt der menschlichen Seele seine originellen und exakten Ausgrabungen unter jahrelangen ernsten Bemühungen vollzog. Es ist aber ein ungerechter Vorwurf, daß die Psychoanalyse sich nicht auch um das Höhere, Moralische im Menschen gekümmert hat. Denn seit jeher war hervorgöhoiben worden, daß das Ich des Menschen, offenbar aus moralischen und ästhetischen Tendenzen, jene Triebe als nicht Ich-gerechte verdränge. Schon im Kinde, ergab die Erfahrung, wird dieses Höhere im Menschen angelegt; das Kind nimmt unwillkürlich eines Tages das Wesen, die Grundsätze, die Persönlichkeit seiner ersten geliebten und gefürchteten Vorbilder, vor allem des Vaters, durch Identifizierung in sich auf; der Vater wird ein Stück von ihm. Eine moralisch wertende Instanz, die als Gewissen warnt, ist so geworden: was einst die Stimme der Eltern befohlen und verboten hatte, befiehlt und verhietet nun eine innere Stimme. Neben einem auch wohl ererbten Anteil an Sittlichkeit, bildet also jedes Individuum nach inneren Kämpfen wie durch SeEbstveredlung ein sittliches Ideal, wie die Psychoanalyse — ohne metaphysische Krücken zu brauchen — rem empirisch feststellte. Entstellt so die individuelle Sittlichkeit, das höhere Wesen im Menschen — von Freud auch „Ü b e r -1 c h" genannt — als Afbbild von Eltern, Lehrern u. a. Autoritäten, so ergibt sich diesen als sittliche Forderung eine um so größere Verantwortung über ihr eigenes Sein und Wirken! Rührende Schuldgefühle sehen wir schon ibei Kindern, erkennen sie auch als Ursache ihrer Neurosen. In zwei überaus schwer leidenden Zuständen Erwachsener, der Zwangsneurose und Melancholie, wütet ein überstrenges Über-Ich gegen das Ich, und die heilende Analyse muß hier diesen übertmoralisehen Tendenzen entgegenarbeiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.