B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 4 (4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 113 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Es muß ihier gesagt werden, daß Menschen, die entgegen ihrer Veranlagung über ihren imoraliischen Standard leiben, dadurch erkranken. Die analytische Beobachtung hat ergeben, daß es eine Überhebung ist. das Animalische unserer Natur völlig vernachlässigen zu wollen. Aber die Lehre Freuds hat nie 'das Ausleben empfohlen, sondern veranlaßt den Kranken die durch die Psychoanalyse ihm bewußt gewordenen Triebe zu verurteilen, vor allem aber zu s u b 1 i m i e r e n. d. h. auf höhere Ziele, Betätigungen abzulenken. Die Psychoanalyse wurde zur besten Kennerin der kindlichen Seele und daher ein wertvolles Hilfsmittel i n d e r Erziehung. Anlage und frühes Erleben machen den Charakter des Menschen aus: zum frühen Erleben gehört auch die Erziehung. Wir raten hier ab von Gewalt und Bedrohung und empfehlen liebevolle, geduldige Energie. Seelsorger. Heilpädagogen u. a. bedienen sich der psychoanalytischen Kenntnisse, um ihren Schützlingen besser zu helfen. Selbst d issoizialen (und triebhaften Halbverlorenen kann psychoanalytisch geschärftes Verständnis Hilfe bringen; auch hier ist die von der Psychoanalyse erprobte und empfohlene geduldige Aussprache, das zum-Geständnis-bringen. die Methode der Wahl. Man könnte sagen, in diesem Sinne geht ein neues Evangelium der Liebe von der Psychoanalyse aus. Freud hat die Beziehung zwischen Arzt und Patient auf eine höhere Stufe gehoben, indem der Psychoanalytiker den Patienten wieder von sich ablöst und zum Schluß zur Selbständigkeit heranzieht. Die alte sittliche Forderung ,.Erkenne dich selb s f wird erst durch die Miteinbeziehung des Unbewußten eine vollendete. Freud verlangt auch vom Arzt wie vom Erzieher, daß er in seiner Ausbildung selbst einer Psychoanalyse unterzogen wird. Nicht nur Kranken und Erziehungsbedürftigen soll die Analyse helfen; als C h a r a k t e r a n a 1 y s e macht sie Menschen lebenstüchtig und harmonisch, ,.sittlich", die es vorher nicht waren. Freud, der den von ihm entdeckten Wahrheiten, gegen eine Welt von Zweiflern und Gegnern recht behaltend, nun ihre Anerkennung in der ganzen Welt durchsetzt, hat ursprünglich nur gesucht, was ist — nicht was sein soll. Er hielt es nicht als Sache des Arztes, selbst mit Reformvorschlägen hervorzutreten. Die Normen der Sittlichkeit sind selbst etwas Gewordenes und nicht in allen Zeiten kraner die gleichen. Wenn sich jetzt, noch ehe die Psychoanalyse wesentlichen Einfluß auf die menschliche Gesellschaft gewonnen hat, vielleicht eine Tendenz zu freierer Lebensauf fassung ankündigt, so mag dies nicht als ungünstig angesehen sein. Denn unsere Kulturansprüche machen für eine Reihe der menschlichen Organisationen das Leben zu schwer, fördern die Abwendung von der Realität und die Entstehung von Neurosen. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die Glücksbefriedigung des Einzelnen nicht aus den Zielen unserer Kultur gestrichen werden kann! Die Sittlichkeit, welche die Psychoanalyse lehrt, ist nicht unbewußt angst- und schuldgeboren, sondern erfahrungsgemäß begründet, der Wissenschaft vorn Menschen angepaßt.