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B'nai B'rith · 1926-04-01 · 4 (4.1926) · p. Seite 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
4 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 110 (sequence 24)
Language
German
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110 ziehten, solange es unsicher ist, ob ihm die Wirklichkeit etwas Besseres bieten wind. Wem es gelingt, durch Arbeit seine Wunschphantasien in Realität umzusetzen, das ist der energische, erfolgreiche Mensch. Wo dies nicht gelingt infolge der Widerstände der Außenwelt und der Schwäche des Individuums, da zieht sich das Individuum in eine befriedigendere Phantasiewelt zurück, z. B. in die Kunst. Tatsächlich wurde auch schon die Freudsehe Methode auf die psychologische Analyse von Kunstwerken (z. B. Der Wahn und die Träume in Jensens Grraidiva) angewendet, ebenso wie auf Fragen der Kultur und der Religion (Totem und Tabu). Das wären so die allerwichtigsten Züge der Freudschen Lehre. Wollen wir das Wesentliche dieser Lehre zusammenfassen, so besteht es darin, daß nicht einfach die kausalen Zusammenhänge der seelischen Erscheinungen hier zu erforschen gesucht werden, sondern die psychologischen Zusammenhänge. Freud hat sich nicht um die Beziehungen zwischen Gehirn und Seelenstörungen gekümmert. Er hat sich bloß die Aufgabe gestellt, zu ergründen, durch welche seelischen Erlebnisse der bestimmte Inhalt einer seelischen Erscheinung bedingt sei. Ein Beispiel soll das erklären. Nehmen wir an, ein Geisteskranker hallunziiniere einen Löwen, d. h. er glaubt einen Löwen ganz deutlich und gewiß zu sehen, ohne daß ein Löwe da ist. Früher, vor Freud, fragte man in diesem Falle: Wie kommt es. daß der Kranke etwas sieht oder zu sehen glaubt, ohne daß es wirklich da ist? Freud dagegen fragt: Wie kommt es, daß dieser Kranke gerade einen Löwen und nicht etwas anderes, z. B. ein Pferd oder irgend eine Person sieht? Freud bringt diese Erscheinung mit der ganzen Persönlichkeit des betreffenden Menschen in Zusammenhang. Er zeigt, wie die früheren Erlebnisse, der Charakter des Menschen es bedingen, daß gerade diese seelische Erscheinung auftritt. So ist die Methode Freuds gleich der populären Komanpsychologie. Der Romanschriftsteller konstruiert sich in seinem eigenen Kopfe einen Helden und läßt dann diesen Helden gemäß den Eigenschaften handeln, wie er sich diesen Charakter vorgestellt hat. Alle diese Handlungen, die der Romanschreitoer seinem Helden begehen läßt, sind auf den Charakter, die Persönlichkeit des Helden sozusagen zentriert, d. h. sie alle sind aus des Helden Zentrum, aus seiner Seele abgeleitet. Genau so faßt Freud die Krankheitserscheinungen auf und sucht sie aus einem Zentrum, aus der Persönlichkeit des Kranken abzuleiten. Es sei noch durch ein Bild erklärt, was das Wesentliche der Freudscheu Auffassung gegenüber der älteren Denkweise ist. Man denke sich einen kunstvoll gewebten Teppich. Die Ornamente oder Figuren, die darauf dargestellt sind, erkennt man nur, wenn man den Teppich aus einiger Entfernung als Ganzes betrachtet. In der Nähe besehen, ist er aber nur aus einzelnen verschiedenfarbigen Fäden zusammengesetzt. Freud interessiert sozusagen nur das Ornament des Teppichs, was es darstellt, was es bedeutet. Die anderen interessiert das Material und die Arbeit, also wie der Teppich entstanden ist. Das große Verdienst Sigmund Freuds ist, daß er a u s d e r e i n s e i i i g m aterialis tischen Hirnforsc h u n g

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