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B'nai B'rith · 1926-04-01 · 4 (4.1926) · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
4 (4.1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 106 (sequence 20)
Language
German
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106 sein Lehrer, der berühmte französische Nervenarzt Charcot, hat dies schon gelehrt. Hier setzt nun die eigentliche Arbeit Freuds ein. Er hypnotisierte hysterische Kranke und fragte sie in der Hypnose Verschiedenes aus, natürlich hauptsächlich mit Bezug auf ihre Erkrankung. Dabei kamen die Kranken meist auf jene Zeit zu sprechen, in der dieses oder jenes Symptom zum erstenmal aufgetreten war. Aus diesen Erzählungen in der Hypnose versuchte sich Freud ursächliche Zusammenhänge zwischen früheren Erlebnissen und den Krankheitserscheinungen zu konstruieren. Ein Beispiel wird dies am besten veranschaulichen. Es ist einer Freudschen Arbeit selbst entnommen (Studien über Hysterie). Eine hysterische Kranke vermochte plötzlich nicht zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas Wasser in die Hand, aber sowie es die Lippen berührte, stieß sie es weg. Als das etwa secths Wochen gedauert hatte, räsonierte sie einmal in 'der Hypnose über ihre englische Gesellschafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit allem Zeichen des Abscheues, wie sie in das Zimmer der Gesellschafterin gekommen sei und bemerkt habe, wie der Hund der Gesellschafterin, da ekelhafte Tier, aus einem Glase trank. Sie habe nichts gesagt, denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem steckengebliebenen Ärger in der Hypnose energisch Ausdruck gegeben, verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große Menge Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden. Dieses Beispiel, das fast mit Freuds eigenen Worten wiedergegeben ist, soll nach Ansicht Freuds die seelische Entstehung hysterischer Symptome zeigen. Die Kranke hatte ein unangenehmes Erlebnis, sie sah, wie ein Hund einer ihr unsympathischen Person aus dem Trinkglase trank. Sie empfand Abscheu und Ekel dabei, sagte aber nichts, um höflich zu sein. Freud lehrt: Wenn jemand einem Affekte, d. i. einer starken seelischen Erregung, nicht Luft machen kann, wenn er seine Wut nicht austoben, sein Leid nicht answeinen kann — oder wie der Freudsehe Ausdruck lautet: wenn der Affekt nicht abreagiert wird — dann bleibt dieser nicht abreagierte Affekt wie ein Fremdkörper in der Seele stecken; .,eingeklemmten Affekt" nennt es Freud. Der Strom seelischer Energie dieses Affektes, der nicht in dem normalen Bette des Abreagierens abfließen kann, bahnt sich neue Wege, wie ein Wildbach, der über seine Ufer tritt, wenn ein Hemmnis sein Bett, versperrt. Die seelische Energie des eingeklemmten Affektes, der nicht abreagiert wurde, staut sich an, ergießt sich in andere Bahnen und ruft dadurch die krankhaften Erscheinungen hervor, z, B. in dem erwähnten Falle das Nicht-trinken-können. Dabei tritt noch eine andere wichtige Erscheinung auf: das peinliche Erlebnis wird vergessen: es wird, wie Freud das ausdrückt, aus dem Bewußtsein ins Unbewußte verdrängt. Trotzdem es also jetzt unbewußt ist, wirkt es aber z. B. in Form hysterischer Symptome weiter. Nur in der Hypnose gelinge es. das vergessene, verdrängte Erlebnis wieder bewußt zu machen. Komme es nun bei dem Erinnern und Wiederdurchleben jener peinlichen Szene zum Abreagieren, zum nachträglichen Sich-austoben, so trete Heilung ein. Katharsis, Reinigung der Seele, nennt Freu 1 diesen Vorgang.

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