B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 3 (3.1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 79 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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79 lig in der Luft. Zu der Wundtschen Behauptung, daß die Gemeinschaft der Sprache in der des Blutes „begründet" sei, ja sogar durch sie „erzeugt." werde, bieten alle Untersuchungen nicht die geringste Handhabe. Mir summt, wenn ich Max Wundt lese, ein urdeutsches Volkslied im Kopf, das aus dem Sprachgefühl eines Düsseldorfer Juden stammt: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin." Gegen den Selbstmord. Am 27. Jänner fand in Berlin eine Kundgebung von sieben Logen statt, die gegen den überhandnehmenden Selbstmord unter den Juden das sittliche Gewissen wachrufen soll. Großipräsident Rabbiner Dr. B a e c k führte in seiner Rede folgendes aus: „Wir wollen über niemanden zu Gericht sitzen. Aus dem Altertum wird erzählt, daß in der griechischen Kolonie Massalia jemand, der die Bürde des Lebens freiwillig abwerfen wollte, vor dem Rat der Sechshundert um die Erlaubnis hierzu nachsuchen mußte. Diese Einstellung, alles hinauszutragen in die Öffentlichkeit und vor ihrem Forum zu besprechen, ist heidnisch. Der Jude ist nur seinem Gotte verantwortlich. Gott allein darf richten. Der Mensch steht inmitten der Verborgenheiten des Lebens: nicht einmal die Erkenntnis seines eigenen Wesens ist ihm verliehen. Goethe sagte einmal im Alter zu Ecketimann: „Der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, woher er (kommt und wohin er geht. Er kennt die Welt nicht, die Welt kennt ihn nicht. Ich kenne mich auch nioht — und Gott behüte mich, izu glauben, daß ich mich kenne!" Vielen unserer Zeitgenossen scheinen die Äußerlichkeiten dem Leben Sinn und Bedeutung zu'geben. Gewiß, wir verschmähen nicht die Annehmlichkeiten des Lebens, da ja das Äußere auf das Innere wirkt. Aber nur der sittliche Wert, nur die Persönlichkeit gestaltet erst etwas aus dem Leben. Aus Hunger scheidet selten jemand aus dem Leben; er legt Hand an sich, weil er glaubt, auf das Äußerliche nicht verzichten zu können. Das Bewußtsein, durch sich selber nichts zu sein, bringt ihn zur Verzweiflung: wie kann er vor dem Anderen bestehen, wenn er keinen äußeren Besitz mehr aufweisen kann?! Ist es wahr, daß ich weniger bin, wenn ich weniger gelte? Bin ich tatsächlich nur etwas durch äußeren Glanz, oder bin ich es durch mich seihst? Drum erheben wir die Forderung: Sei etwas durch dich selbst! Lerne das Äußerliche gering achten; sei ein Mensch, sei ein Jude! Dann kannst du selbst in der Kargheit und Dürftigkeit leben. Sei ein Baumeister deines Lebens! Unser Leben gibt uns so viel, als wir selbst ihm geben. Frage, was d u durch dein Gemüt, deine Seele deinem Leben gibst! Durch sich selbst dem Leben Sinn und Bedeutung geben, d a s ist jüdisch gedacht." Von den Juden in Spanien. Die spanische Regierung ermächtigte Mr. Lucien Wolf, der auf der Rückreise von Lissabon nach London einige Tage in Madrid weilte, die von der „Daily Express" veröffentlichte Mitteilung zu dementieren, daß Juden spanische Bürger nur werden können, wenn sie zum Katholizismus übertreten. Senior Ignacio Bauer, ein Jude, ist Kapitän der Armee, Parlamentsmitglied für Madrid und hervorragendes Mitglied der spanischen Akademie. Sein Vater war spanischer Senator. Es wurde Lucien Wolf versichert daß General Primo de Rivera demnächst über das Verhalten der spanischen Regierung zu den Juden eine autoritative Erklärung abgeben wird. In Marokko unterstützt die Regierung sehr die Bewegung der sephardischen Juden, nach Spanien zurückzukehren. Die Zahl der Juden. In der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" berichtet Jakob Lestschinsky "über die neueste Schätzung der Gesamtzahl der Juden. Er bemißt sie für das Jahr 1925 auf etwa 14,800.000. Die letzte genauere Zählung stammt aus dem Jahre 1897. Damals rechnete man über 10,000.000. Von dem Gesamtzuwachs von 5,000.000 entfallen auf Amerika etwa drei Viertel. Trotzdem gibt es in Europa noch immer doppelt soviel Juden als in Amerika. In den Vereinigten Staaten leben nahezu 4 Millionen, in Polen und Rußland je 2.800.000» Juden.