B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 3 (3.1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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65 gesammelt hat, daß sie nach Öffnung des Ghettos den Grundstock für eine spezifisch jüdische Teinpelarchitektur hätten 'abgeben können. Es kam aber anders. Die Juden in der Zeit der Haskala nach der Z e i t Moses M e ,n d e 1 s s o h n s, besonders aber nach dem Jahre 1848. wurden endlich — vor dem Gesetz wenigstens — Staatsbürger wie die ('bristen. Damit fielen auch die Ghettomauern und die Juden begannen nun ihren Platz im öffentlichen und geistigen Leben der Völker Europas einzunehmen und durch ihre Leistungen beginnen sie allseits eine große Holle zu spielen. Das Tempo, mit dem die Juden die Rolle eines neuen Kulturf aktors im Leben der europäischen Völker erringen, sieht sich wie ein beängstigendes Phänomen an. Es vergehen kaum 50 Jahre und aus dem Ghettojuden ist der jetzige moderne Jude •geworden, mit seinen Fehlern und Vorzügen, oft auf Kosten seines inneren Menschen, immer aber auf Kosten seines tradtionellen Judentums. So wie sich der Jude in dieser raschen Umorientierrang äußerlich seinem christlichen Nachbar angepaßt hat, so trachtet er in seinem noch übrig gebliebenen Judentum, soweit es sich durch äußere öffentliche Manifestationen repräsentiert, seiner Umgebung anzupassen. — nämlich in seinem Gottesdienst und im Bau seiner Synagogen. Durch die Einführung des sogenannten reformierten Gottesdienstes, der in vielen Äußerlichkeiten am ehesten noch vom Protestantismus Momente entlehnt, durch Einführung von gemischtem Ghorgesiang und Orgel, dem Kantor als Vonsänger, dem Rabbiner als Prediger, den festen Bank reihen, den Frauengalerien in den oberen Stockwerken, — entsteht ein neues BauprogTannn für jüdische Tempel, da« in seiner Mannigfaltigkeit nicht zu oft eine einheitliche monumentale Lösung gefunden hat. Aus der quadratischen und fast immer zentralen Grundrißanr&ge wird in den modernen Synagogen gewöhnlich aus praktischen Gründen der L a n g h a u 8 ib a u vorgezog-en, was für den jüdischen Gottesdienst besonders ungünstig war und sich besonders schädigend ausgewirkt hat. Der Almemor aus der Mitte des Tempels, wo früher die Thoravorlesung stattfand, verschwindet, die Thoravorlesnng selbst, nun lange schon nicht mehr ein integrierender Bestandteil des Gottesdienstes, wird ganz vorne am Altar, nur für die vordersten Bankreihen verständlich, absolviert- und der Gottesdienst besteht nun hauptsächlich aus Einzel- und Wechselgesang, und das Publikum im Tempel besteht jetzt eigentlich nur aus Zuhörern. Der Tempel selbst ist durch den Aufbau der Fraucngalerie unverhältnismäßig hoch, aus dem ehemaligen Thoraschrein wird nach christlichem Muster durch Auf- und Zubauten eine Art Altar, über dem häufig noch Orgel und Chor aufgebaut werden. Als Architektur werden diesen Tempeln nun größtenteils die verschiedenen Stile der christlichen Kirchen appliziert. Da es keinen spezifisch jüdischen Stil gilbt, werden fast alle Elemente auch grundrißlieh — mit Ausnahme der Kreuzform — den Sakralbauten der umgebenden Völker entlehnt. Wir sehen m dieser Zeit Tempel entstehen, die gotisch, romanisch, renaissanceartig sind, kurz Tempel in allen mög-