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B'nai B'rith · 1926-03-01 · 3 (3.1926) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
5 (1926)
Issue
3 (3.1926)
Date
1926-03-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Geburtstag ist auch uns Juden ein lehrreiche* Anlaß dazu —, daß zu einem sittlichen Leben Tapferkeit gehört. Den Sinn der Tapferkeit haben Geschichtsbücher und Kriegsberichte entstellt. Wer sich nicht fürchtet, Menschen niederzuschlagen oder ein gefährliches Kunststück mit seinem, Körper auszuführen, heißt tapfer. Vielleicht stammt aber auch die sittliche Tapferkeit aus dem gleichen Grunde und es geht nur um ein verschiedenes Ziel. Denn der Einsatz der ' körperlichen Existenz ist da wie dort Zeichen der Tapferkeit. Es ist gewiß bemerkenswert, daß Romain Rolland, der Kriegshasser, der wegen seiner Friedensgesinnung aus Frankreich verdrängte, der leidende und verkannte, die körperliehe Tapferkeit, die der Krieg erweckt oder erzwungen hatte, ah? einzigen Gewinn für eine kommende sittliche Erneuerung der Menschen ansah. Denn wenn jemand nur so frisch drauflosglaubt, daß die Menschheit sich dem sittlichen Idealzustande von selbst entgegenentwickelt, wie die Pflanze der Frucht, wer sozusagen einem sittlichen Automati-mius in der menschlichen Natur huldigt, wird niemals dem persönlichen Mut des einzelnen einen allzugroßen Wert für den allgemeinen Sieg der Sittlichkeit beimessen. Mulig sein, heißt dann eben nur einer Entwicklung vorauseilen, die ohnedies früher oder später zur gleichen Höhe kommen müßte. Allein wer über das Wesen des sittlichen Gefühls nur ein wenignachdenkt, dem wird dieser Glaube an die Selbstentwicklung des Guten bald genommen. Die Möglichkeit einer bewußt unsittlichen oder minder sittlichen Handlung grenzt beständig so hart an das sittliche Wollen, daß in jedem Augenblick die Entscheidungins Unsittliche oder Mmder-Sittliche umkippen kann. Es gibt kein sittliches Hochplateau, auf das die Mensch eit, wenn auch steilen Weges, emporklimmen könnte, um dann beruhigt und mühelos sich im Sittlichen zu ergehen. Es gibt nur ein unaufhörliches, nie endendes, immer gefährliches Sich-Entscheiden zwischen dem, was man für sittlich wertvoller und weniger wertvoll hält. Wo diese Entscheidung aus äußeren oder inneren Gründen leicht ist, kann auch die sittliche Energie und damit der sittliche Ertrag nicht allzugroß sein. Erst wenn man gegen äußere oder innere Widerstände sich für das Sittlich-Wertvolle entscheidet, erst wenn man sittlich tapfer ist. fördert man die sittlichen Werte in der Welt. Romain Rolland, den die Forderung der jüdischen Propheten nach Kompromißlosigkeit entflammt hat. verstand es in unvergleichlicher Weise das Leben solcher Menschen zu schildern, bei denen die Größe des Leidens das Maß ihrer Tapferkeit erweist. So entstand sein „Beerhoven", sein „Michelangelo", sein „Tolstoj". sein ..Ghandi". All diesen Gestalten scheint manchmal ein Zug von Härte rätselhaft eingeprägt zu sein. Selbst Ghandi, dessen System der Gewaltlosigkeit die Politik versittlichen soll, fordert unerbittlich den Abschluß gegen die europäische Zivilisation, solange Indien nicht zu sidh zurückgefunden habe; er läßt Millionen Menschen verarmen, denn sittliöh-sein heißt nicht ein bequemes Leben führen und die unabweislichen Konflikte des Daseins durch beschwichtigende Güte von sich schieben. Sittliöh-sein heißt vielmehr von Menschenliebe ergriffen sein und keine Angst haben, in den einzelnen Fällen des Tages den Gesetzen dieser Liebe zu folgen. Das höchste Gebot Ghandis und Romain Rollands ist: sich nicht

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