B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 3 (3.1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MONATSBLÄTTER DER GROSSLOGE FÜR DEN CECHOSLOVAKISCHEN STAAT X. I. O. B. B JAHRGANG V. NUMMER 3. MÄRZ 1926. Von sittlicher Tapferkeit. (Zu Romain Rollands sechzigstem Geburtstage.) Es gibt ein jüdisches Wort, welches das Geheimnis sittlicher Kraft wunderbar umschreibt: die Welt ruhe auf 36 Gerechten; sie seien immer unkenntlich und würden oftmals kaum beachtet, aber ohne sie bräche die menschliche Ordnung zusammen. Einer dieser 36 Gerechten könnte, zumindest in der europäischen Welt. Roma in Rollan d sein, nicht weil er, der Schöpfer des Jean Christophe, die edelste Gestalt des modernen Epos gezeichnet hat — es gibt größere Erzähler als Romain Rolland —. nicht weil er in seinen Revolutionsdramen den Trieb nach dem Guten anch von seiner grausamen Seite erfaßt hat — es gibt stärkere Dramatiker ails ihn —, sondern weil jeder Querschnitt, den man irgendwo durch seine Lebensarbeit zieht, das geschlossene Bild eines großen Menschen zeigt, der den Glauben an das Gute erneuert. Es ist in Dingen des Eniipfiuidens nicht anders als in Dingen des Wissens: wir suchen unsere Gefühle und Urteile durch Menschen zu festigen, denen wir vertrauen. Wir halben das Bedürfnis nach Gemeinschaft, weil wir uns an anderen prüfen und durch sie bestätigen. Es gibt nun einzelne Menschen — und in kleinem Format finden sie sich auch in kleinen Kreisen —, deren Urteil oder Gefühl so ursprünglich und abgrundlos ist, daß sie unsere heimlichen Führer werden. Romain Rolland glaubt an das Gute im Menschen und an die Versöhnung der Völker wie Millionen andere, und doch liegt in der Art seines Glaubens eine geheimnisvolle Nuance, die ihn sogleich als Führer erkennen läßt. Das aber, was ihn deutlich vor anderen charakterisiert, ist ein Zug, den man als sittliche Tapferkeit bezeichnen könnte. Wer einmal ein Bild Romain Rollands gesehen hat, der wird hinter dem schmerzlichen Ernst seines Blickes, der kämpferischen Energie seiner ganzen Gesichtsformamg nicht einen Dichter der Menschlichkeit vermutet haben. So sehr ist man gewohnt, sittliche Entschlossenheit für Schmiegsamkeit des Willens und Güte für eine edle Schwäche zu halten. Es kann aber nicht oft genug betont werden — und Rollands