B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 2 (2.1926)
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 46 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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46 zigen Arznei für die Wunde, die ihnen das Schicksal schlug, dem einzigen Mittel, das sie ihren Defekt vergessen und ihr seelisches Gleichgewicht finden läßt. Und er gründete eine kleine Gemeinschaft, die den einzelnen zwang und lehrte, mit den Genossen zu leben, sich und den anderen zu helfen, so gut es ging. Und die Kinder, die bisher gewohnt waren, sich in den letzten dunkelsten Winkel zu verkriechen, begannen aufzublicken, lernten lachen und einander lieben. Er ließ sie sich beschäftigen, es wurde gebastelt und hantiert und man half sich mit Händen und Füßen, so gut als man eben konnte. Es entwickelte sich nun ein eigenartiger Unterricht: Das Katheder und die Schultafel wurden als überflüssiger Luxus aus dem Lehrzimmer entfernt und an ihre Stelle kamen Werkzeug, Geräte und Hobelbank. Acht Monate vergingen so. Besucher und Gönner waren über die Fortschritte erstaunt, nur erregte es Mißfallen, daß die Kinder vom Lesen und Schreiben noch keine Ahnung hatten. Da, eines Sonntags, kam ein 16jähriger mit Feder und Briefpapier: er wollte seinen Eltern einen Brief schreiben. ,.Du kannst es doch aber nicht." meinte Bakule. „Herr Direktor, der Mutter möchte ich so gerne schreiben." ,.Nun, wenn du willst, will ich es dich lehren." Die anderen Kinder werden aufmerksam, kommen herbei und der Wunsch, auch nach Hause schreiben zu können, wird allgemein. Nach 14 Tagen bereits schreibt ein 6jähriger seiner Mutter ganz selbständig einen Brief, nach drei Wochen kann jedes Kind lesen und schreiben. Nun tritt in dieser merkwürdigen, wie aus der Unwirklichkeit anmutenden Geschichte das seltsamste Ereignis ein: infolge gewisser Konflikte mit der Schulbehörde wird Bakule nach sechsjähriger Tätigkeit vor die Türe gesetzt. Aber die verkrüppelten Zöglinge erklären sich solidarisch mit ihrem Lehrer und folgen ihm. Es gelingt ihnen, drei Stübchen in Untermiete zu bekommen. Mit dem einzigen Werkzeug, das ihnen zur Verfügung stand, ihren Taschenmessern, schnitzten sie aus¬ Stäbchen Blumenstöcke. Ein Smichover Handwerker drechselte für sie Holzdosen, die er ihnen auf Kredit lieferte, und sie -versahen sie mit Malerei und Schnitzwerk. Schließlich erwirkten sie die Erlaubnis, in Werkstätten mit geliehenen Instrumenten zu arbeiten und sie brachten es so auf einen Tagesverdienst von 150 Kronen. An jedem Wochenende zogen sie über Land, Bakule hielt Vorträge und die Jungen spielten Marionetten-Theater mit selbst verfertigten Kulissen und Figuren. Gegen Sommerende brach die härteste Zeit an: Sie waren um ihre Wohnung gekommen. Obdachlos zogen sie von Ort zu Ort, ungeschützt vor Kälte, oft ohne Nahrung. Im Feber endlich wendete sich ihr Los. Miss Harrison vom amerikanischen Roten Kreuz brachte ihnen 2000 Dollar. Material und Geräte wurden angeschafft und in den zur Verfügung gestellten Räumen eines Prager Reserve-Spitals wurde eine große Tätigkeit entfaltet. Die Kinder der Gasse strömten herbei, um die merkwürdigen Krüppel arbeiten zu sehen. Sie wurden zugezogen, sie blieben und sie fanden bald Gefallen an der Arbeit. Bakule las ihnen vor, er besprach mit ihnen, was sie bedrückte und interessierte, er lehrte sie, was sie wissen wollten und lehrte sie singen. Und sie, von denen kaum eines die Noten kennt, wurden Meister des Gesanges. Das Glück blieb ihnen weiter hold: Das amerikanische Rote Kreuz überwies der Bakule-Gemeinde „als der