B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 dem Russen Rußland, dem Chinesen Ostasien, dem Amerikaner Amerika, <iem Engländer England. Wir fühlen die menschliche Weite und nicht eine Verengung im Coudenhoveschen Worte: „Neutralität (ist) Verrat. Wer nicht Paneuropäer ist, ist Antieuropäer." (Paneuropäisches Manifest.) Eine allgemein menschliche Idee ist nicht verraten,, sondern erst in ihrer Verwirklichung möglich, wenn sie den Menschen die Wahl des näheren und des ferneren Kreises, in welchem er wirken kann, klar macht. Denn es kommt nicht auf die räumliche Ausdehnung des sittlichen Objektes an, sondern auf die innere Intensität der sittlichen Betätigung. Verraten ist eine allgemeine sittliche Idee erst dann, wenn sie den näheren Kreis, in welchem sie betätigt werden soll, in eine Haßstellung zu anderen Kreisen bringt, in denen die gleiche Idee waltet. Abgrenzung aber ist nicht Haß. Jede Gemeinsamkeit, sei es eine ererbte oder eine erworbene, hat eine Abgrenzung nach außen zur Folge. Je mehr eine Gemeinschaft durch das Schicksal gegeben ist, das heißt, je weniger die Nützlichkeitsfrage in ihr eine Rolle spielt, desto besser ist sie als Boden für die Verdichtung sittlicher Ideen. Gemeinsamkeit heißt dann Vertiefung, Abgrenzung heißt Sammlung. Das zweite, was die paneuropäische Bewegung von neuem erweist, ist dies: Jede Organisierung einer größeren Gemeinschaft, der e s um sittliche Ziele geh t, ha t nur einen G egner: die ökonomische Angst. Kein Einsichtiger verschließt sich eigentlich dem paneuropäischen Gedanken, sowie es keinem Denkenden einfallen wird, Wohlwollen, Bruderliebe und Eintracht als sittliche Mächte zu bestreiten. Aber die Angst vor ökonomischen Nachteilen trübt den klarsten sittlichen Willen. Und ohne klaren sittlichen Willen ist jede Organisation ein unlebendiger Mechanismus. Coudenhove-Kalergi wußte genau, daß nur auf der Gesinnung der Europäer der Erfolg seines Planes beruhen könne, aber mit richtigem Instinkt legte er die ökonomischen Voraussetzungen seines Planes dar. Er wollte die Angst, das Sittliche zu wollen, auf diese Weise beheben. Da es sich bei Paneuropa um eine Lebensgemeinschaft auf der Basis von Produktion und Konsumption handelt (freilich nicht um des nackten Lebens willen, sondern wegen des Fortschrittes der Menschheitskultur), so ist die Betonung des Ökonomischen durchaus kein Abfall vom rein sittlichen Ziele. Es ist eine Erleichterung für Mutlose. Um so klarer, das heißt furchtloser wird der sittliche Wille in einer Gemeinschaft walten können, die dem erwerbhaften Leben entrückt ist. Sich nicht aus ökonomischen Gründen vor dem richtigen Wollen fürchten, das ist der Wegweiser jeder sittlichen Gemeinschaft. Und zum dritten: Die größere Gemeinschaft setzt die kleinere d a u e r n d v o r a u s. Wir müssen gleichzeitig in vielen ..Welten" leben, wenn wir sittlich leben wollen. Je allgemeiner die ..Welt" ist. der wir uns zuwenden, desto unbestimmter ist sie und desto mehr bedarf sie der sichtbaren, realen, kleineren „Welt", in der das natürliche Gefühl wurzelt. Wer sich als Paneuropäer fühlt, darf nicht aufhören Franzose, Deutscher. Italiener oder Tscheche zu sein. Für die Sittlichkeit ist nichts gefährlicher als Nivellierung. Nur der Chauvinist und Imperialist kann wünschen, daß von seiner Art die ganze Welt erfüllt sei. Mit natürlichen Verschiedenheiten rechnen können und