B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Paneuropa und wir, Die Idee, auf der Coudenhove-Kalergi sein paneuropäisches Programm aufbaut, ist g-ewiß nicht neu. Daß sich die Staaten Europas zu einer Union verbinden sollten, wie es die Kantone der Schweiz oder die Staaten Nordamerikas getan haben, ist ein latenter Wunsch aller Europäer. Aber die alte Idee hat eine neue, reale Begründung bekommen: es ist statistisch nachweisbar, daß die europäischen Staaten mitsamt ihren Kolonien, selbst bei Ausschluß Englands, Rußlands und ihrer außereuropäischen Besitzungen, imstande sind, sich wirtschaftlich zu erhalten. In dieser überstaatlichen Vereinigung (ohne England und Rußland, die hier nicht mittun können oder wollen) liege die einzige Gewähr für die Unmöglichkeit eines neuen Krieges und der einzige Schutz gegen den wirtschaftlichen und kulturellen Ruin Europas. Wenn man Coudenhoves Karte von Paneuropa ansieht, so findet man allerdings, daß die afrikanischen und ostasiatischen (nichtenglischen) Kolonien, die er mit einbezieht, den europäischen Teil an Größe übertreffen. Die Notwendigkeit des Lebens beschattet hier ein wenig die; Reinheit der Idee. Es spielt, gewiß unbewußt, der Glaube an die europäische Höherwertigkeit mit herein, an ein Vorrecht Europas vor diesen größeren Erdstücken, die glücklich sein sollen. Europa das Rohmaterial zir liefern. Wenn daher, was sittlich durchaus nicht abzuweisen : ist, die größeren außereuropäischen Teile „Paneuropas"' ihre Autonomie oder ihren Anschluß an Rußland. Amerika. England oder Ostasien, die ihnen geographisch und ethnisch näher stehen, fordern wollten, so bräche der wirtschaftliche Unterbau des Coudenhoveschoi Planes zusammen. Es sind also nicht nur sittliche Ideen, auf die er sich stützt, sondern wirtschaftliche Gegebenheiten. Die Stellung eines sittlichen Weltbundes, wie es unser Orden i>t. zu Paneuropa kann also nur die sein, daß wir in der paneuropäischen Bewegung den Weg zu einem noch weiteren (auch sittlich weiteren) Ziele, dem Menschheitsbunde erblicken, daß wir aber deutlich allgemeine sittliche Kräfte am Werke fühlen, die auch uns leiten. Allem über die teilnehmende Sympathie hinaus hat das paneuropäische Problem eine lehrreiche Bedeutung für uns: es zeigt nämlich, wie eine sittliche Aufgabe — die Schaffung einer sich frei entwickelnden menschlichen Gemeinschaft — in der Wirklichkeit lebendig wird. Man wirft uns oft vor. daß wir. die ein allgemeines Menschheitsziel zu verfolgen vorgeben, doch nur auf den engen jüdischen Kreis beschränkt seien. Theoretisch stimmten wir dem Fichteschen Gedanken bei. daß uns alle gleich nahe seien, ..die Menschenantlitz tragen", aber praktisch hielten uns noch die Bande kastenfreudiger Sondergemeinschaft. Gerade an dem Versuche Paneuropas kann auch unser sittlicher Weg sich verdeutlichen. Zunächst: Jede Verwirklichung s i 111 i c h e r Ideen v e r 1 a n g t B e g r e n z u n g. Es liegt in der Organisierung unseres Geistes, daß wir, wenn wir lieben, wählen müssen. Der Paneuropäer wählt zur Verwirklichung seiner allgemeinen Ziele, die da lauten: Frieden, Freiheit und gesicherte Wirtschaft, das geschlossene Wirtschaftsgebiet Paneuropas, das ihm eben menschlich am nächsten steht, wie