B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9598440-9598450--0945-9598455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5 organischen (mitunter auch anorganischen) Stoffes bemächtigt, um es zielhaft, wie ein Baumeister zu entwickeln, um aus Stücken ein Ganzes zu formen. Ganz unerklärlich wäre nach rein mechanistischer Weltauffassung schon die einfache Tatsache, daß wir, einen Tisch ringsum betrachtend, unzählig verschiedene Bilder auf die Netzhaut bekommen und dennoch aus all diesen Sinheseindrücken eine Einheit, die Individualiserung dm TischbildeSj schaffen. Irgend eine Kontrollinstanz muß außerhalb des Stofflichen da sein, die uns sagt, wann die verschiedenen Sinneseindrücke aus einer einzigen Dingursache stammen und wann nicht. So gelangt der Naturforscher Driesch notwendigerweise zur Annahme eines von allem Materiellen verschiedenen, autonomen „Lebensetwas", das alles Organische gestaltet und einem Weltziele planmaßig zuführt. Hier kann sich nun die Ethik wieder frei erheben, ohne Scheu, nicht als sublimierter theologischer Rest oder als eine Art günstiger Vereinbarung zwischen den nach Glück jagenden Menschen. Solange man au der Maschiiientheorie des Organischen festhält, ist jede Forderung nach Güte, nach Mitgefühl, jede Art von ..du sollst aus sittlichen Grün densinnlos oder eine verlegene Hilfskonstruktion, damit ilie Gemeinschaft der Menschen nicht zugrunde gehe. Immer mehr bricht in den strengsten Wissenschaften die Erkenntnis durch, daß ethische Werte unabhängig von materiellen Gegebenheiten das Leben bestimmen und daß die fortschreitende Beherrschung der Natur, daß alle Errungenschaften der Forschung, alle Bemühungen der Organisation nur dann zu einem Aufstieg führen, wenn sittliche Werte ihnen Form und Richtung geben. Der berühmte Mathematiker Bertrand Russell hat in einem soeben erschienenen Büchlein ..Ikarus oder die Zukunft der Wissenschaft" (deutsch im Münchener Drei-Masken-Yerlag) ein paar Sätze gesagt, die hier wohl am Platze sind: ..Die Leute reden manchmal so. als ob der Fortschritt der Wissenschaft notwendig ein Segen für die Menschheit sein müßte, aber das ist. fürchte ich, nur eine von den behaglichen Illusionen des neunzehnten Jahrhunderts, die unser illusionsärmeres Zeitalter von sich tun muß. Die Wissenchaft setzt die Inhaber der Macht in den Stand, ihre Ziele in vollerem Maße zu verwirklichen, als es ihnen sonst möglich wäre. Wenn ihre Absichten gute sind, dann ist dies ein Gewann, wenn sie schlechte sind, ein Verlust ... Wissenschaft ist kein Frsatz für Tugend, das Herz ist für ein gutes Leben ebenso nötig wie der Kopf... Nur Güte kann die Welt retten, und selbst, wenn wir wüßten, wie man Güte erzeugen kann, so täten wir es nicht, wenn wir nicht selbst schon gütig wären." Worum es also heute in der Welt geht? Um einen Kampf gegen die Maschiiientheorie des Lebens! Um die erkenntnismäßige Sicherung der Auto n omie des Geistes, um die Sicher u n g sittlicher Werte. Friedrich Thie berger.