B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 2u erkennen; kurz zuerkennen, worumesheutein d erWelt des geistigen Lebens geht. An drei großen Lebenssphären ist jede Zeit zu bestimmen: an der politischen, an der künstlerischen und an der wissenschaftliehen Sphäre. Und jedesmal ist es die Richtung des Neuen, die bei solcher Prüfung den Weg weist. Nun scheint sich in der Tat für unsere Zeitepoche in allen drei Sphären eine parallele Bewegung zu ergeben, die für uns als ethische Vereinigung von besonderer Wichtigkeit ist. Die radikalste Leistung auf politischem Gebiete ist der russische Bolschewismus. Auch gemäßigte Sozialpolitiker stimmen darin überein, daß er eigentlich nur der alle Wirklichkeiten und Entwicklungen überrumpelnde Fall des Sozialismus ist. Wie dieser geht auch der Bolschewismus von dem Rechte aus, das jedem Menschen, gleichsam naturgesehichtlich, gegeben ist. Nüchternes, naturwissenschaftliches Denken schulen, ist darum das Ziel der neuen russischen Erziehungspolitik. Der Mensch ist eine Maschine, die auszunützen keine andere Mensch-Maschine das Recht hat. Die Gesellschaft ist eine Vereinigung solcher Mensch-Maschinen, deren Leistung und Verbrauch gerecht, das heißt nach gleichen Gesetzen aufgeteilt wird. Lenin selbst hat einmal davon gesprochen, daß für die geistigen Bedürfnisse erst in einer Phase gesorgt werden könne, in der die ökonomische Not überwunden sei. Denn alle geistigen Werte sind ja in diesem Sinne lediglich mechanische Steigerungen unseres körperlichen Lebens. Die gemäßigte Form des Sozialismus weist die gleichen rationalistischen Züge auf; man braucht bloß an Tolstojs oder Gandhis Lehren vom Zusammenleben der Menschen zu denken, um zu erkennen, daß im Sozialismus nicht das Bewußtsein von Liebeswerten und Liebesentsagung oder gar die unlösbare Tragik alles Lebens den Primat bildet, sondern das Naturrecht und die Ökonomie in der Verteilung der gegebenen und erzeugten Güter. Aber eine Wandlung macht sich bemerkbar. Die Sozialisten arbeiten mehr denn je kulturell; die erste naturalistische Phase des Bolschewismus ist überwunden. Erst jüngst hat Lunatscharsky mit Stolz auf die neue Kunst in Rußland hingewiesen. Man sieht allmählich ein, daß Liebe zu Ideen, also Liebeswerte, Voraussetzungen einer jeden Art von Lebensökonomie sind. Man fühlt, daß die Theorie von den Menschen als Maschinen wirtschaftlich ins Chaos führt. Die parallele Abkehr vom Naturalismus war in der europäischen Kunst schon ein paar Jahrzehnte vorher zu verspüren. Aber erst der Expressionismus lief gegen ihn auf der ganzen Linie Sturm. Expressionismus ist der eindringlichste und bewußte Protest gegen eine mechanistische Auffassung der Welt. Der selbsttätig schaffende Geist formt die Dinge nach seinem Willen. Wenn sich die Wogen des Expressionismus heute gesänftigt haben, so liegt das vielleicht daran, daß er nicht mehr die Gegenmacht zu fürchten braucht und sich ohne Schrei und Krampf sogar des naturalistischen Materials (in der Poesie und Malerei) bedienen darf. Vielleicht verstehen wir daraus, daß der totgeglaubte historische Roman wieder zum Leben erwacht. Dort, wo vor kurzem der revolutionäre Expressionismus stand, steht die revolutionäre Politik nicht. Die Linien der politischen und künstlerischen Entwicklungen verlaufen wohl gleichmäßig, aber doch so, daß die Künstler den Politikern voraus sind. Was in der Kunst