B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MONATSBLATTER DER GROSSLOGE FÜR DEN CECHOSlOVAKISCHEN STAAT X. I O.B B JAHRGANG V. NUMMER 1 JÄNNER 1926. Worum es geht. Jede Lebemsäußerung läßt sich auf doppelte Weise betrachten: danach, was sie besagt, und danach, was sie bedeutet. Der Kampfruf der französischen Revolution — um mit einem politischen Beispiel zu beginnen — besagte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, aber er bedeutete weit mehr als diese uralte, nie vergessene, vielleicht nur neu formulierte Forderung: den Durchbruch dies unterdrückten Ewigkeitsrechtes im Menschen. Oder: das Werk eines Künstlers „besagt" eine symbolisch erschaute Idee, wie etwa Lessings „Nathan" die Verchwisterung der Menschen, aber es „bedeutet" aus dem Leben des Künstlers heraus das Symbol einer geistigen Entwicklung, wie etwa der „Nathan" den Gipfel des aufklärerischen Humanitätsgefühls „bedeutet". Es ist mit den Werken der Wissenschaft nicht anders; sie „besagen" einen nüchternen Tatbestand und sie „bedeuten" das Lebensstadium einer Epoche. Kants Schriften sind mehr als ihr Lehrinhalt „besagt", sie „bedeuten" den grandiosen Versuch eines freiwerdenden Jahrhunderts, mit allen Verführungen der Mystik zu brechen und sich ganz auf den Boden der Vernunf t zu stellen. Es ist gewiß menschlich wichtiger zu erfahren, was eine geistige Tatsache bedeutet, als was sie besagt. Das erstere öffnet unseren Sinn für das Getriebe des Lebensprozesses, für das Gefälle des Stromes, der auch uns trägt: das letztere belehrt uns über stückhafte Daten, zeigt uns Wellenspiele auf der Oberfläche. Je weiter wir von einer Zeitepoche entfernt sind, desto fühlbarer wird der Unterschied zwischen Inhalt und Bedeutung ihrer Lebensäußerung. Nur in einem einzigen Falle kümmert uns der Inhalt mehr als die Bedeutung: bei den Lebensüußerungeu unserer eigenen Zeit. Denn hier sind wir selbst die vitale Quelle, die — unbewußt — unsere Lebensäußerungen schafft. Allein der Drang nach geschichtlichem Schauen — einer der wesentlichen Voraussetzungen sittlichen Lebens, weil es Gerechtigkeit und Verantwortung lehrt — läßt uns manchmal innehalten und uns selbst geschichtMch, das heißt im Zusammenhang der Entwicklung prüfen. Und dann erwacht in uns das Verlangen, "die Vielfalt der. i .ehensäußerungen unserer Zeit nicht danach,/was sie inhaltlich be- .«■agen. sondern danach, was sie in gemeinsamer Einheitlichkeit bedeuten,