B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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268 bringen, um aus dem Boden Zähigkeit zu gewinnen, bis ein neues Geschlecht neue Quellen der Kraft finden mag'. Dieses haben uns die böhmischen Dorfjuden gelehrt, und wenn ihre Lehre in ihren Nachkommen fortlebt, in ihren Nachkommen, die den heimatlichen Herd, die Gräber ihrer Vorfahren verlassen haben, wenn ihr Geist in ihren Enkeln fortwirkt, dann haben sie nicht umsonst gelebt und gedarbt, gearbeitet und gebetet! Dr. Richard B i e h a 1 : »Einkehr und Abwehr.« Gedichte von Emil Spiegel. Wer heutzutage noch Gedichte liest, gilt nicht als „seriös", kommt wohl selbst in den Verdacht, Verse zu leimen, wenn es finster wird. Außer Gymnasiasten, schwärmerischen Damen und gewerbsmäßigen Literaten findet sich vielleicht noch hie und da ein Idealist, der Verständnis aufbringt für das Wunder der Sprache und Interesse für kostbarstes Sprachgut, das sich am faßlichsten, oder wie es jetzt so schön heißt, ,.grnifbar': in der gebundenen Sprache offenbart. Trotzdem unterfange ich mich, an dieser Stelle ein Gedichtbuch zu empfehlen, das dem Idealisten, der Verse liest, Freude bereiten, den übrigen aber, auch ungelesen, eine reale Erinnerung bleiben wird an einen Freund, der von uns gegangen ist. Sie mögen es vorn in ihren Bücherkasten stellen, wo es ihnen wegen seines schönen Einbandes keine Schande machen wird, oder meinetwegen .sogar in die hintere Reihe neben die Klassikerausgaben, die sich dort gleichfalls der ewigen Ruhe erfreuen. Vielleicht werfen sie doch gelegentlich einmal einen Blick hinein. Man hat ja auch Hausapotheken und schluckt doch ihre Pillen nur in den seitesten Fällen. Wer Emil Spiegel geliebt hat, und wer von uns allen, die ihn kannten, hat ihn nicht geliebt?, dem wird aus diesem Gedichtbande, der auch das Porträt des Verfassers enthält, außer seinem leiblichen auch sein geistiges Bild vor die Seele treten. Denn dieses Buch ist nicht bloß ein literarisches Erzeugnis, sondern er ist es selbst, wie er noch in unserer frischen Erinnerung steht. Aus diesen Gedichten spricht seine Hingegebenheit an das Göttliche, sein klarer Verstand und sein treffender Witz. Sem ungesuchtes, dem behandelten dichterischen Stoffe eingeborenes Pathos, weit entfernt, uns skeptisch zu machen, ergreift uns mit. die Helle seiner Gedanken wirbt ihm in uns willige Jünger, sein Witz und das leichte Spiel seiner Sarkasmen machen uns zu seiner ergötzten Hörerschaft. Diese gewiß seltene Verschmelzung von tiefster an kein Dogma gebundener Religiosität und philosophischem Denken mit einem nie versagenden Witze geben das Bild einer Persönlichkeit, wie sie in literarischen Bereichen nicht allzuhäufig anzutreffen ist. Wenn ich das sage, fürchte ich nicht einmal den Vorwurf, von dem anerkannten Vorrechte des Biographen, in seinen Gegenstand ein wenig verliebt zu sein, allzu ausgedehnten Gebrauch gemacht zu haben.