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B'nai B'rith · 1925-12-01 · 10 (12.1925) · p. Seite 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
10 (12.1925)
Date
1925-12-01
Page
Seite 269 (sequence 17)
Language
German
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Wohl soll das Werk allein für sich sprechen, der Freund nicht zum Kritiker werden; dennoch aber glaube ich, daß auch die berufsmäßige» literarischen Richter sich dem Eindrucke dieser literarischen Persönlichkeit nicht ganz entziehen werden. Viele von den Gedichten der ersten Abteilung „Einkehr und Abwehr. Gedichte eines deutschen Juden", wie „Glaube", „Gott", „Doppelgehedmnis'' „Am Ziel", die in reifster Form Tiefstes aussprechen, werden jeder Kritik standhalten,, und manchen von den Epigrammen und Sinnsprüchen wird vielleicht in der deutschen Literatur, die gerade diese Dichtungsart etwas stiefmütterlich behandelt hat, eine längere Lebensdauer beschieden sein. Auch die Episteln werden wohl in weiteren Kreisen manchem dankbaren Leser ein verständnisinniges Lächeln abgewinnen. Uns aber, die seinem engeren Kreise angehört haben, sind seine Verse von seiner eigenartigen liebenswerten Persönlichkeit nicht zu trennen. Immer wieder bringen sie uns ihn in lebendige Erinnerung, wie er in größerer oder kleinerer Versammlung seine und seines verehrten Vorbildes und Meisters Hermann Cohen. Lieblingsideen mit inniger Bewegtheit, dabei immer doch klar und schlicht, vor uns entwickelte, oder wie er auf einsamen Spaziergängen .und am Kaffeehaustisch bald auf Themen von hoher Geistigkeit, bald auf Gegenständen des täglichen Lebens oder literarischen Diskussionen die Scheinwerfer seines Witzes und Geistes spielen ließ. Wenn der Vergleich erlaubt ist, ein kleiner Goethe im Hause seiner zahlreichen Eckermanns, die seine Aussprüche. Einfälle und Wortspiele dankbar quittierten, zitierten und kolportierten. Er, der sich mit Stolz einen deutschen Juden nannte, kam. das empfanden wir alle mit größerer oder geringerer Deutlichkeit, wohl jenem bemerkenswerten Typus nahe, welchen der jüdische Stamm, wie nur wenige VOlksgemeinschaften, so oft ausgeprägt hat, dem Typus des ..Weisen", wobei ich an Auerbach, Mendelssohn und Spinoza erinnere (nicht dem Typus der „Weisen von Zion". deren Schreckgespenster der Judenhaß seiner törichten Anhängerschaft an die Wand malt.) Nur streifen will ich die Dankesschuld, die wir Brüder unsere? Ordens unserem h eingegangenen Großsekretär abzustatten haben. Wenn es in letzter Zeit üblich geworden ist, mitten im Lärm und Zank des Alltags Männern, die sich um die Öffentlichkeit verdient gemacht haben, eine ganz kurze Zeitspanne innigsten Gedenkens zu widmen, so wollen auch wir unserem Emil Spiegel diese Anerkennung, die er reichlich um uns alle verdient hat, nicht vorenthalten und uns. sei es auch nur auf wenige Minuten, dem Zauber seiner Persönlichkeit, die uns herzbewegend aus seinem Worte entgegenspricht, durch Mitempfinden «seines dichterischen Nachlasses widmen. In diesen Gedichten wird uns Emil Spiegel, der uns allzufrüh Entrissene, weiterleben.

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