B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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266 vater gestiefelt, mit einem Bündel und Stock über das im Hausflur oder auf dem Hof aufgestellte Schaff Wasser hmüberschritt, um den Übergang der Juden aus Goschem über das Rote Meer symbolisch zu markieren. So geschah es, daß der Urgroßvater des berühmten Mathematikers Professor Gustav Kohn in unserem Nachbardorfe Radobice, der von einer durchziehenden Truppe des napoleonischen Heeres als Wegweiser bis zum nächsten Orte Öimelice mitgenommen wurde und erst morgens zurückkam, auf die Frage, woher er komme, antwortete: „Aus Goschem"! Das jontefige Geschirr (uralte Stücke, wenn auch der bescheidensten Art, von seltenster Form — auch bei den Ärmsten fand man oft noch den silbernen Becher —, uraltes Besteck, noch mit zweizinkigen Gabeln) wurde als heilige Familien-Reliquie aufbewahrt und hochgehalten. Selbst schon zur Zeit des Niederganges des jüdischen Lebens im böhmischen Dorfe kann sich auch die Generation des V. Rakous dem Zauber dieser Tradition nicht entziehen. Mit Wehmut schildert Rakous, wie er nach dem Tode seiner Eltern das Dorfhäuschen ausräumt und zuletzt mit wehmütiger Rührung selbst — niemand anderer durfte dies tun — das jontefige Geschirr auf den Wagen lädt, der ihn hinausführt aus der Hütte seiner Eltern, aus dem Heimatdorfe, aus den Erinnerungen der jüdischen Jugend. Zu dem Schönsten, was Rakous geschrieben und was ich mit ihm so tief empfinde, gehört seine Erinnerung an das Woohenfest, Wald und Flur in voller Blüte, die blühende Landschaft voll Duft und Leben.. das jüdische Haus unter dem Schmuck von Flieder und jungen Birkenreisern, die hinter jedem Bilde, hinter jedem Spiegel, über der Tür prangen. Der Gang zur Schul unter blühenden Obstbäumen, durch die blumenbedeckten Wiesen, das kleine Bethaus oder Tempelchen geschmückt, das Erleben des Festes frei von jedem Zwang, das gesellige B( isammensein, die bescheidenen kulinarischen Genüsse, voran die bei uns so hochgehaltene kegelförmig geformte süße Speise, genannt der Berg Sinai, diese Kindheitserinnerungen von unvergänglichem Reiz sind Erinnerungen, die dem großstädtisch gewordenen Judentum fast völlig abgehen. Wäre auch der Tempel noch so kostbar geschmückt, der Aufenthalt in der Großstadt, in der schwülen Hitze, in den staubigen Straßen brächte es zustande, 'daß das Schewuauss-Fest. das reizvollste und schönste des ganzen Jahres, unter dem Straßenstaube erstickte. Ich konnte nur einige unvollständige Ausblicke in eine Kleinwelt geben, die im Absterben begriffen ist. eine Kleinwelt, die aber bewohnt war von Charakteren, von Helden und Heldinnen im Alltagsgewande. Diese Mütter und Schwestern, in steter Sorge um Mann und Kind und Geschwister, die in der Welt zerstreut, um ihr Dasein kämpfen, weit in der Stadt als Studenten, Schüler, Lehrlinge, diese Mütter, gebeugt, mit abgearbeiteten, braungebrannten Händen, mit dem ewig angsterfüllten Auge, die immer erwarteten, daß von irgendwoher ein Schlag fällt, eine Hiobsbotschaft eintrifft, die unermüdlich für ihre Kinder und Geschwister arbeiteten, wuschen, nähten, buken, damit sie nicht hungern, damit sie besser gekleidet gehen und damit i