B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 rend, den obligaten schäbigen Zylinder auf dem Kopfe, in abgeschabtem schwarzen Gehrock auf dem Leibe, den Binkel mit zerlesenen hebräischen Büchern auf dem Rücken, so saß er studierend am Feldrain oder lief aufgeregt umher, vor unsichtbaren Verfolgern fliehend, trotzdem ihm niemand ein Leides tat. So wanderte er von Ort zu Ort, bald da, bald dort, die Kinder aus der Bibel prüfend oder wirre Reden führend. Was mag diesem gelehrten Talmudisten, der einstens Lehrer in einer großen Gemeinde war, zugestoßen sein, ehe er ein Paranoiker wurde? Wie schmiegte er sieh an den Ofen, wenn er zu uns kam, ähnlich der armen verlassenen Jüdin des Rakous, die in tiefverschneiter Nacht in ihr Elternhaus kam mit dem Rufe: ..Schlimm ist'«, Kinder, schlimm ist's!", mit halberfrorenen Händen den Ofen umfassend. Aber der unverbesserliche Optimismus der Juden ließ sich nicht beugen. Mitten im Winter feiern sie das Chanukkah-Fest und mitten im Winter als frohe Frühlingsahnimg wurde für Pessach das jontefige Gänseschmalz ausgelassen. Die Gan-! Was für ein Lichtblick war das im Leben des armen Dorfjuden! Zwar junge Gänse hat der Dorfjude nie gegessen, das war viel zu kostspielig, aber die Schoppgans, die Freude und die Sorge der Hausfrau, wurde schon früher in die Mast gestellt und alles schwelgte im Vorgenusse der Herrlichkeiten, die die verschiedenen Teile der Gans bieten sollten. Wie bangte die Hausfrau, alle Mühe und Sorge war vergebens gegenüber dem möglichen Urteilsspruch des Schochet: „Trefe, trefe!" Wer dies kennt, fühlt mit der Frau Koralek, die uns Rakous schildert, den bangen Sabbattag, da die unmittelbar vor dem Schächten stehende Gans zu fressen aufhört und die Flügel hängen läßt, er zählt auch mit ihr die bangen Stunden, bis endlich am Sabbatabend der Schächter ins Haus kommt, die Gans noch lebend antrifft und schachtet, und schließlich nachdem er sie und den Ghalif (das Schlachtmesser), letzteren auf Scharten, untersucht hat. den Befreiungsruf ausstößt: „Koscher, jeder Rabbiner kann sie essen!"*) Purim wurde bereits im schmelzenden Schnee lustig gefeiert. Außer den kulinarischen Genüssen hörte man die Megillah, die von einem Kundigen, der von Dorf zu Dorf ging, den Frauen, die nicht in die „Schul" gehen konnten, vorgelesen wurde. Xachmittags verstellte man sich, d. h. (man maskierte sich und zog durch das Dorf; auch in die besseren Bauernhäuser, so wie die christlichen Maskenzüge in der Fastnachtszeit auch bei Juden einkehrten. Es waren dabei typische Gestalten, auch gutmütig karrikierte Juden, wogegen sich die Juden wiederum durch Karrikierung der Bauern-Unsitten revanchierten, ohne daß dies übelgenommen wurde, im Gegenteil, die Maskenzüge wurden gegenseitig beschenkt. Wer schildert aber die Freude dos wirklichen Frühlingsfestes, des Pessach, dem lange eine tiefe, freudige Erregung vorausging, das Putzen und Scheuern, wenigstens den Kindern eine Freude, dann die *) Der Jude war im Dorfe auch der Vermittler des Gänsefedernhandels, der einen erklecklichen Posten im Budget des Dorfinsassen bildete. Bettfedern und Flaum waren ein wichtiger Exportartikel, den die Juden in großem Maßstabe vertrieben.