B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9598139-9598410--0907-9598421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
263 die Mitte der Decke einnehmen, an den Wänden Bilder, größtenteils aus illustrierten Zeitschriften. Die fünf Tage zwischen dem Versöhnungstage und dem Sukkothfeste waren für die Kinder eine Freuden^ zeit, sie konnten sich tummeln, sie konnten bei Bau und Ausschmückung ihrem Geschmack und ihrer Farbenfreude Ausdruck geben.; Keine einzige der Erzählungen von Rakous spricht mehr davon. Diese schöne Sitte scheint mit vielem anderen im böhmischen Dorfe untergegangen zu sein. Simchas-Thora wanderte man. die Kinder mit Fähnchen, wieder in den Tempel, es wurden kleine Leckerbissen an die Kinder verteilt, in größeren Orten warfen Frauen während der Thora-Vorlesung aus der Weibersohul' Mandeln und Rosinen, an reicheren Orten Feigen und Datteln. Aber das Reizvollste wohl war das korporative zur Thorarufen der noch nicht 13jährigen. die im Ohor den Segensspruch und dann noch den Segen Jakobs für die Söhne Josefs sprachen. Um die weihevolle Stimmung der höchsten Feiertage nicht zu stören, war in früher Zeit die Alltagssprache, die Sprache des Geschäftes, die cechisehe, verpönt. Nur die deutsche oder jüdischdeutsche durfte gesprochen werden, nicht aus Mißachtung der Volkssprache als solcher, sondern zu dem Zwecke, um sich vom Alltag möglichst zu befreien. Zu Mittag und nachmittags wurden am 'Sabbat und an den Feierlagen, wie in den großen Städten oder Gemeinden, Besuche ausgetauscht, wobei ein gewisses Zeremoniell eingehalten wurde: Bei Begrüßung und Abschied wurde .,Gut Sehabbes'' oder „Gut Jonteff" gewünscht. Es wurde Sohabbesobst serviert und im Winter wenigstens „Pucalky", eigentümlich gequollene, mit Pfeffer zubereitete Erbsen. Den Juden^ gestalten von Rakous blieb nur mehr diese Begrüßung; die Konversation läßt er nur mehr in cechischer Sprache mit deutschen Brocken führen, was, wie jede Degenerationserscheinung, der Komit nicht entbehren mag. Mit dem Freudenfeste hörte die frohe Stimmung auf, der Winter stand vor der Tür. In der tiefen Vorahnung seiner Wirkungen hörte ich oft in den letzten Tagen der Feste die armen Hausfrauen, so auch meine Mutter, ausrufen: ..Ganze Häuser liegen auf mir, wenn der Winter kommt!" Schwer und hart ist der Winter im böhmischen Bergland mit seinen verschneiten und vereisten Wegen, seinem Frost für die Dorfgeher, noch schwerer für die armen Heimatlosen, für die Schnorrer. Fremde polnische Schnorrer sah man vormals bei uns selten, aber die Armen bei uns im Geiste, die Schwachsinnigen, die Arbeitsunfähigen, die keine Familie hatten, von niemandem erhalten wurden, denen blieb nichts anders übrig, als von Dorf zu Dorf zu -ziehen, die Gastfreundschaft der eigenen Glaubensgenossen anzuflehen. Darunter war mancher geisteskranke, herabgekommene Gelehrte. Lebhaft sehe ich vor mir den Gelehrten David Kohn, der noch in seiner Verkommenheit den Eindruck eines schönen, durchgeistigten Menschen machte. Hochgewachsen, wenn auch gebeugt, mit wunderbar sinnigen schwarzen Augen und mit einem schönen Vollbart um das geistvolle Angesicht, bald in sich gekehrt, Selbstgespräche führend, bald aufgeregt perorie-