B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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262 ..Ziele troubi na mräz!" — (Die Juden blasen auf Frost!) Frühzeitig wurde aufgestanden und vor Morgengrauen ging man zu Slichoth durch Wald und Feld, zwischen den reifenden Zwetschken- und Apfelbäumen und kam in den ersten Morgenstunden zurück, erfrischt vom Gange durch den erwachenden Morgen. Für die Kinder war das Neujahrs wunschschreiben eine aufregende Sache, denn es wurde schönes kalligraphisches Schreiben angestrebt, um die Eltern zu erfreuen. Damals gab es noch keine Schreibmaschine und eine schöne Handschrift hatte einen hohen Wert. Am Vorabende wurden die neuen Kleider angelegt. Neue Kleider wurden prinzipiell nur zu hohen Feiertagen angeschafft, gewöhnlich war es auch nur billiges Baumwollzeug, aber es war neu und man fühlte sich darin festlich. Schön zusammengerollt und mit Bändchen zusammengebunden wurden die Neujahrswünsche nicht nur schriftlich überreicht, sondern auch mündlich vorgetragen; auch alle auswärtigen Verwandten bekamen solche zugeschickt. Dann wurde gebetet, das Mahl gehalten, wobei der Apfel mit Honig nicht fehlen durfte. Feierlich ging man morgens zur Schul', auch alle Frauen, um die Klänge des Schofars zu hören; nachmittags ging man wieder in die Schul', nachdem man gerastet hatte, um Tehillim (Psalmen) zu sagen. Am Versöhnungstage traf die ganze Gemeinde zusammen: aus den entferntesten Orten erschienen Leute, die das ganze Jahr in der Fremde weilten. Dichtgedrängt war die Stube oder die kleine Synagoge mit in weiße Sterbekleider gehüllten Gestalten. — auch die Frauen in der WeiberschuT größtenteils weißgekleidet —. nur die Jugend und die „Jungs", denen keine Braut den Kittel mitgebracht hatte, waren in gewöhnlicher Kleidung erschienen. Die Rückkehr von Kol Nidre durch schweigenden Wald und Feld bei Monlenschein in gehobener weihevoller Stimmung mit unseren Eltern wirkt noch im Alter nach. Hatte an den gewöhnlichen Sabbattagen ein Gemeindemitglied genügt, um das Amt des Vorbeters auszuüben, wurde für diesen Tag ein berufsmäßiger oder halbberufsmäßiger Chasen genommen. Vielfach kamen fromme Männer von entfernteren Orten, um als gottgefälliges Werk das Vorbeteramt auszuüben. An diesem Tage erleichterten diese gedrückten armen Menschen ihr Herz. Wenn auch das Mitbeten etwas geräuschvoll war, es schwebte etwas undefinierbar Weihevolles in der Luft, was man jetzt in den großen, festlichen und von eleganten Leuten erfüllten Tempeln nicht immer findet. Nach Hause zurückgekehrt, stärkte man sich durch Speise und Trank und ging, wie mein Großvater sagte, von einer Mizwah in die andere, um die Vorbereitungen für das Laubhüttenfest zu treffen. Jeder, der halbwegs konnte, stellte in Hof oder Garten seine eigene Laubhütte auf, entweder dauernd als ein Bretterhäuschen, ein „Salettl", hie und da auch gemauert, aber mit offener Decke, oder nur aus Latten zusammengestellt und mit Reisig von allen Seiten, jedenfalls aber die Decke mit Reisig von der Edeltanne gedeckt, so daß man die ..Sternchen" durchsehen konnte, um die Illusion des Zeltes oder der Hütte zu erhöhen. Emsig wurden bunte Papierkörbchen, bunte Ketten von Hagebutten mit blauem Papier gemacht. Blumen, die roten Früchte der Eberesche befestigt: ein zierlich gestaltetes Mögen Dowid mußte