B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 9 (11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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242 ten Werke des Kramerius vom Anfang des 19. Jahrhunderts, hie und da die Theaterstücke von Jan Kajetan Tyl, daneben Kalender (Pecirka) und bei besonders fortgeschrittenen Bauern eine Zeitung. Die zentralisierende germanisierende Politik Kaiser Josephs IL wirkte noch bis in diese Zeit aus Dankbarkeit besonders bei den Juden nach. Die cechische Sprache war nach der Schlacht am Weißen Berge durch die zentralistischen Bestrebungen der Habsburger, nicht etwa durch ihre Begeisterung für die deutsche Sprache und Art, in immerwährendem Rückgange. Der alte cechische Landadel war des Landes verbannt, die kaiserlichen Behörden begünstigten die deutsche Sprache aus politischen Gründen, so wie sie auch aus politischen Gründen, während sie die Protestanten verfolgten, ausdrücklich vom Kaiser Ferdinand II. angewiesen waren, die Juden zu schonen.*) Daß die Juden im 16. Jahrhundert noch viel cechisch sprachen, erhellt aus den Bezeichnungen der Chewrahmänner in den alten, vom •hohen Rabbi Low verfaßten Thakanoth (Statuten) der Prager Chewrah Kadischah. Die von Haus aus deutsch sprechenden Juden beherrschten die cechische Sprache gewöhnlich schlecht und hatten typische Eigentümlichkeiten in der Aussprache, die von den Judenfeinden karrikiert wurden. — Das Verhältnis der Juden zur Gutsherrschaft war überhaupt sehr verschieden. Während z. B. der Fürst Windischgrätz den Juden nicht übel gesinnt war und es veranlaßte, daß, nachdem mein Großvater in Wossek bei Strakonitz zwei seiner Söhne Rabbiner werden ließ, und den dritten ebenfalls dieser Laufbahn zu widmen beabsichtigte, ihn geradezu zwang, um für sein Alter eine Stütze zu haben, den dritten Sohn Militärarzt werden zu lassen. Er selber schrieb die Empfehlungskarte für das Gesuch zur Aufnahme in das Josefinum. Andererseits ist besonders der frondierende, wenig kaiserlich gesinnte Adel ziemlich hart und herrisch gewesen. So entsinne ich mich, einmal bei Verwandten in einem Gutsdorfe zu Besuche gewesen zu sein. Als wir mit noch anderen Dorfinsassen in den nächsten Ort zur „Schul" gingen, trafen wir gerade den Fürsten, nachherigen Landmarschall und ungekrönten König Böhmens, auf der Hühnerjagd und es hat mir für mein ganzes Leben einen rebellierenden Eindruck hinterlassen, als ich sah, wie ein jüdischer grauhaariger Pächter einer Dorfschenke gebeugt und mit tiefgezogenem Hute auf den Fürsten zulief, um ihm die Hand zu küssen, und dieser, ohne mit einer Miene zu zucken, steif stehend, ihm ruhig die Hand zum Kuße reichte. Andererseits stand der Jude manchmal bei den deutschsprechenden Beamten in Gunst, ebenso bei der Geistlichkeit, als der einzige Mann im Dorfe, mit dem man kultivierteren Umgang pflegen, bei dem man in geschäftlichen Dingen sich Rat erholen und hie und da auch einen kleineren Kredit haben konnte. Als im Jahre 1859 nach dem Kriege die Zwangsanleihe ausgeschrieben wurde und alle, auch die kleinsten Kaufleute, von der Bezirksbehörde — damals war Verwaltung und Justiz noch vereint — vorgeladen wurde, um freiwillig zu subskribieren, kam mein Vater zum Bezirksamt, wo er den Bezirksvorsteher im Tore traf. Da dieser wußte, ) Siehe Gindelys Geschichte des dreißigjährigen Krieges.