B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 9 (11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 241 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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241 selten gehalten und man erfuhr die Neuigkeiten nur von Mund zu Mund bei solchen Zusammenkünften. Die meisten Juden von damals kannten wenigstens den „Tenach" und diskutierten lebhaft über biblische Fragen. Hie und da hatte einer auch etwas Talmud studiert und beherrschte das Gespräch. Für die Kinder und die der Poesie Zugänglicheren war der Weg durch Wald und Feld, die Landschaft, ein für das Leben vorhaltendes Erlebnis, und die wirklich innige Liebe, welche viele Dorf juden, auch Rakous, zu ihrer dörflichen Heimat fürs Leben behalten, ist die Frucht dieses Erlebens. Zu Mittag sitzt die ganze Familie samt den „Orchims" friedlich zu Tische, genießt das ärmlich-festliche Mahl, besonders die Bobe, richtig deutsch Babe, um nachmittags der Ruhe oder der Lektüre zu pflegen. In den meisten Häusern war die Mendelssohnsche Bibel in der Fürther Ausgabe und Sprüche der Väter (Pirke-Aboth) und die Machsorim von M. J. Landau; manche Frauen und die Jugend lasen entweder die Klassiker oder einen Roman von Eugen Sue oder von Spindler, auch von Georges Sand. Im Sommer wurden die Pirke- Aboth, die Sprüche der Väter, gelesen; die Frauen lasen die Bibel vielfach in einer jüdisch-deutschen Übersetzung (dem deutschen Chumesch); die ältesten Frauen das „Zeenuh urenuh!" (kommt und seht!), verballhornt „Zennerenne" genannt. Die Dorfjuden waren in bezug auf Bildung zweierlei Art: Die einen, welche nie eine Killah gesehen hatten oder in denen kein solches Mitglied war, welches das Leben in einer größeren Gemeinde kennen gelernt hatte, hatten keine literarischen Anwandlungen; deren gab es in früheren Zeiten relativ viel weniger, als später in der Übergangszeit, in welcher die Gestalten von Rakous agieren. Ein Großteil der Juden Böhmens stammte aus Süd-Deutschland und war über die Westgrenze nach Böhmen eingewandert. Sehr viele Namen sprechen noch heute davon, wie der Name Fürth, Weil, Bloch, der Namen meiner Familie u. a. Sie brachten die deutsche Sprache entweder rein oder in Jüdisch-deutsch mit und diese blieb für lange Zeit ihre eigentliche Sprache, wenn wir so sagen sollen: Ihre Muttersprache! Ein Teil der Juden war seit altersher gewissermaßen autochthon in Böhmen und besonders wenn die Gutherrschaft es begünstigte, sprachen die Juden cechisch und hatten auch cechische Namen. (Noväk, Modry, Sfastny, Kroupa, Mastny, Stedry.) Ich erwähne die Gemeinde Kalladei, wo die Grafen Wratislaw, größtenteils sehr humane und gegen die Juden gerechte Männer, die Gutsherren waren. Die deutschsprechenden Juden, allerdings größtenteils auch cechisch sprechend, besaßen immer einen Stock von deutschen Büchern; — die cechische Literatur war damals noch sehr unbedeutend, — und Seume erzählt vom Anfange des 19. Jahrhunderts, wie er auf seinem Spaziergange nach Syrakus in dem Hause des jüdischen Händlers Taussig in Budin bei Leitmeritz übernachtete und dort alle bemerkenswerten Neuerscheinungen der deutschen Literatur gefunden habe. Die Schriften der Erwecker (Buditele) waren noch wenig tief in die Bauernkreise gedrungen, sie waren ja meist philologisch gerichtet. Man las im Dorfe die noch in „schwabacher'' Lettern gedruck-