B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 9 (11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 240 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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240 zurückzubegehren. Schon nahe der Heimat begegnet er einem glänzenden Hochzeitszuge und erfährt, daß die älteste Tochter seines Bruders, — seine Tochter — es ist, die zur Hochzeit fährt und sechs Geschwister werfen ihm frohgemut Silbergeld auf die Straße. Sein Bruder hatte die als Geschiedene Zurückgebliebene offiziell geheiratet, hatte eine kinderreiche Familie, ist ein reicher Mann. Soll er dieses Glück durch sein Erscheinen stören? Nach langem, hartem Seelenkampfe kehrt er unerkannt zurück und wandert weiter bis zu seinem Grabe als Chewrahmann, als Chasen, als Altwarenhändler. Der zurückgebliebene Bruder ist mittlerweile ein Randar (Arrendator, Pächter) geworden, das war die jüdische Aristokratie des Dorfes. Aus ihrer Mitte stammt ein großer Teil der späteren jüdischen Intelligen zschicht. Aber auch Abkömmlinge der ganz kleinen Dorfjuden brachten es auf der sozialen Stufenleiter weit und gereichten dem Judentum zur Ehre. Mancher davon ist sogar eine historische Persönlichkeit, wenn auch fraglichen Ruhms geworden, z. B. der spätere Statthalter von Böhmen, Baron Kraus. Ein alter Freund unseres Hauses, ein Landsmann von Kraus, erzählte mir oft, wie der alte Randar Kraus in der Stube händeringend stand, wenn seine Gattin Geld für das Studium ihres Sohnes verlangte und in die Worte ausbrach: „Das werde ich nicht aushalten!'1 B'chai Roschi, B'chai Nafschi! (Bei dem Leben meiner Seele, bei dem Leben meines Kopfes!). Und als sich sein Sohn taufen ließ und im Begriffe stand, in das Auditoriat einzutreten, verweigerte er ihm das Geld zur Anschaffung der Uniform. In dieser Uniform erlangte Baron Kraus bei der Bevölkerung der Lombardei infolge seiner Bluturteile nach der Niederwerfung des Mailänder Aufstandes und nach der Niederlage der sardinischen Truppen bei Novara 1849 einen wenig ehrenvollen Namen. Wir haben oben den zum Sabbat heimkehrenden Juden beim Freitagmahle verlassen. Am Sabbatmorgen, nach dem festlichen Kaffee mit Kuchen — an Wochentagen wurde nur Suppe mit Schwarzbrot gegessen, — wandert er mit Weib und Kind — wenn das Häuschen aber nicht allein gelassen werden darf, ohne die Frau — oder auch zuweilen deshalb ohne die Frau, weil sie nicht das richtige Sabbatgewand besaß — Rakous schildert das oft mit rührender Treue — in das nächste, etwas größere Dorf, wo entweder eine regelrechte Synagoge oder eine „Schul" bei einem besser situierten Nachbarn erhalten wird. Auf dem Wege stoßen andere Ortsbewohner oder die der nächsten Weiler hinzu und nun geht es im Gespräche — Frauen mit Frauen. Männer mit Männern — weiter. Das Gespräch wurde in meiner Kindheit noch ausschließlich jüdisch-deutsch geführt, in jener Art von jiddisch, welches heute wohl schon als ausgestorben oder nahezu ausgestorben gelten kann. In den Skizzen von Rakous erscheint es schon ganz ausgestorben. Beim Hinwege war noch das wöchentliche Erlebnis der Gegenstand der Gespräche, bei der Rückkehr beherrschte die Paraschah, der Wochenabschnitt der Bibel, die Haftorah, der Prophetenabschnitt, der Gottesdienst, die Diskussion, daneben erörterte man die Geschehnisse der letzten Zeit im Judentum und in der Politik, besonders soweit sie das Judentum betraf. Zeitungen wurden nur