Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1925-11-01 · 9 (11.1925) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
9 (11.1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 239 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9598139-9598389--0882-9598396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

239 grauen Hosen, Vatermördern und ihren Kopf deckte der obligate große Zylinder. Das änderte sich aber abends nach der Zeremonie der Havdalah, der Scheidung von Sabbath um Werketag; da traten die ganz gewöhnlichen nüchternen Kleider in ihr Recht, bei den Frauen das Tüchel, die billige Schürze, der billige Rock und die Jacke, und zu der Zeit, wo die Bauern ihre originellen Trachten, die ich zum Teil noch sah, aufgegeben hatten, unterschied sich die Kleidung der Juden und Jüdinnen wochentags nicht von der der Bauern.*) Unter den vom Lebensglück durch das Habsburger Gesetz Ausgeschlossenen gab es nun solche, die sich ihm nicht fügten und, wie später noch in Galizien, sich konfessionell-rituell trauen ließen, deren Kinder, vom Gesetz aus unehelich, den Namen der Mutter führen mußten. So kam es, daß noch nach dem Jahre 1848, wo diese Ehen konvalidiert werden konnten, Geschwister verschiedene Namen führten. Im Jahre 1852 wurde statt des Familiantentums der politische Ehekonsens eingeführt, der bis zum Jahre 1860 erteilt wurde, wo nach der Niederlage Österreichs auf den lombardischen Feldern die Verfassung eingeführt wurde. Herzzerreißende Tragödien ergaben sich aus diesen Verhältnissen. Eine der rührendsten wohl erzählt Rakoiis nach der Wirklichkeit. Es ist das Jahr 1860. Eine der drückendsten Fesseln, die das alte Österreich dem Juden auferlegt, war gefallen; er durfte nach Belieben heiraten! Wir treffen einen Mann auf der Landstraße, gebeugt, aber rüstig ausschreitend; nach 20jähriger Abwesenheit kehrt er in sein Heimatsdorf zurück. Es ist Sommer, ringsum alles wie ehemals. In unnachahmlicher Weise schildert Rakous den sommerlichen Reiz der böhmischen Landschaft. Sein Geburtshäuschen war hundert Jahre lang Familienbesitz; der Vater hatte das Familienrecht, zwei Brüder bewohnten nach des Vaters Tode das ererbte Häuschen. Der ältere, ein zugreifender, praktischer Händler, der andere ein Träumer, eifriger Bibelleser, Vorbeter, Chewrahmann. Sie nahmen ein verwaistes Mädchen ins Haus; der jüngere ist viel mehr zu Hause, als sein älterer, praktischer Bruder, was nicht ohne Folgen bleibt. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft ihn die Mitteilung des anderen, er habe bereits die Heiratsbewilligung der Behörde als der ältere und niemand anderer als ihre Hausgenossin sei die Auserkorene. Geständnis, rituelle Trauung zur Gutmachung des Fehltrittes, offizielle Scheinheirat mit dem älteren Bruder, Anzeige an die Behörde von feindlicher Seite, rituelle Scheidung, Flucht des jüngeren in die Fremde folgen einander rasch. Zerrissenen Herzens treibt er sich in der Fremde umher, wiederum als Chewrahmann, als wandernder Chasen, als Altwarenhändler, ohne Nachricht aus der Heimat! Und nun, da Juden ohne Bewilligung heiraten dürfen, kehrt er zurück. Trotzdem ihm der Boskowitzer Rabbiner die Rückkehr widerrät, macht er sich auf den Weg, um sein Kind und seine Frau *) Nur den „kasket", die großgerändeirite Offizierskaippe, welche die Bauernburschen Sonntags trugen, haben die Juden auffallenderweise nie angelegt (kasket offenbar verballhornt aus dem französischen easquette der Helm).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.