B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 9 (11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Dann geht es an das Rasieren mittels „Salbe", ein Gemisch von gelöschtem Kalk und Auripigment, d. i. Schwefelarsenik; dabei entwickelt sich Schwefelkalk, ein Körper, welcher das Haar zerstört, überdies nicht sehr wohlriechender Schwefelwasserstoff, der in der ganzen Umgebung zu spüren ist. Doch der Erfolg ist glänzend; nach wenigen Minuten abgewaschen, glänzt der arme Jude glatt und schön, als wäre er vom ersten Hoffriseur rasiert. Am Abend wird, wo keine Synagoge ist, der Gottesdienst zu Hause verrichtet; die Familie singt für sich allem das L'cho daudi, und wenn sie so beisammen ist, dann staunt man, woher so viele Mitglieder plötzlich hergekommen sind. Auffallend ist die große Anzahl weiblicher Mitglieder. Wir befinden uns in der Zeit um das Jahr 1860 mit ihren Nachwirkungen des Vormärz. Das pharaonische Gesetz des Habsburgers Karl VI., durch seine Nachfolger bis zum Jahre 1848 aufrechterhalten mit geringen Erleichterungen unter Kaiser Josef, welches bestimmte, daß nur einer in der Familie berechtigt ist, einen Hausstand zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen, brachte es mit sich, daß eine große Anzahl nicht verheirateter Männer und Frauen mit ihren Familien hausten. In jedem Hause waren unverheiratete Schwestern des Mannes oder der Frau, damals oft schon hochbetagt, und auch unverheiratete Männer, die bis an ihren sanftseligen Tod im hohen Alter noch immer „der Jung" hießen. Die Männer wanderten oft nach Ungarn aus, wo das grausame Gesetz nicht existierte, da dieses Land nicht zum heiligen deutschen Reiche gehörte oder nach Amerika; die weiblichen Mitglieder mußten zu Hause bleiben.*) Unsere Großeltern bemühten sich ja redlich, das unmenschliche Gesetz unwirksam zu machen dadurch, daß sie recht viele Kinder hatten. 6 war das Minimum, gewöhnlich aber 7 und 8 und noch mehr. Die Großeltern der vor einigen Jahren im hohen Alter gestorbenen Wiener Advokaten Dr. Karl und Heinrich Ko hn und die Urgroßeltern des berühmten Mathematikers Prof. Gustav Kohn, hatten 21 Kinder und es ereignete sich, daß, wenn die Tochter nicht genug Milch hatte für ihren Säugling, die Mutter in der Lage war, ihr auszuhelfen. Nach der Freitag-Abendmahl zeit, die, so bescheiden sie war, doch ein die Öde des Alltags unterbrechendes Festessen war, wurden Gesänge gesungen, die man heute mit Ausnahme von Polen und einigen orthodoxen Gemeinden Deutschlands kaum dem Namen nach mehr kennt. Am Morgen legte die ganze Familie Sabbathgewänder an, auch die Mitglieder, die nicht in der Lage waren, eine Synagoge zu besuchen. Da sehe ich noch seidene Gewänder aus längst entschwundenen Tagen an den ausgetrockneten Leibern der armen unversorgt gebliebenen Mädchen und konnte da an vielen Männern Kostümstudien machen von der napoleonischen Zeit bis in die sechziger Jahre. Die Männer staken noch in alten schwarzen, braunen und blauen Schoßröcken, tauben- *) Wertvolle Arbeiterinnen waren sie im Hause, fünsorgliche Kinderpflegerinnen, doch selten glücklich und mit ihrem Lo<se .zufrieden. Selbständige Berufe gab es damals wenige für jüdische Frauen: Schneiderinnen, Färberinnen und ein besonders geschätzter .Beruf, in dem :sie es zur Meisterschaft gebracht hatten: Köchinnen. In den Städten waren sie Ladenmädchen (Messasigte).