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B'nai B'rith · 1925-11-01 · 9 (11.1925) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
9 (11.1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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236 Die Kurzwaren-Hausierer verschmähten natürlich nicht auch Felle und alte Kleider, Knochen und Glas einzukaufen. Ihren kleinen Kram bezogen sie größtenteils von kleineren oder größeren Ladenbesitzern in den Städtchen und in den Marktflecken und größeren Dörfern, den sie je nach dem Absatz jede Woche bezahlten. Es ging •dabei nicht strenge zu: Ich habe noch vor wenigen Jahren in der Ecke eines geerbten Kleiderschrankes mit Kreide in jüdischen Lettern von der Hand meines Vaters aufgeschrieben gefunden: „Reb Nathan, 1 Gulden und 50 Kreuzer". Das war einer der ärmsten Hausierer in den 60er Jahren und damit er nicht etwa gemahnt werde, schrieb mein Vater die Schuld nicht ins Buch, sondern mit vergänglicher Kreide auf die Innenwand eines Kleiderschrankes. Nicht immer ging es so harmlos zu. Kleine Tragödien spielten sich in diesem kleinen Milieu ab, wenn ein Ladenbesitzer sein Hauptgeschäft in diese Art von Kredit-Unternehmung legte und unter seine Kunden eine größere Gruppe von Kartenspielern zählte, die statt ihm das Kreditierte wöchentlich zurückzuzahlen, im Wirtshaus saßen und das Geld verspielten. Ich kenne Fälle, die geradezu zum Ruin des Kreditgebers führten. Am Freitag vormittags oder mittags kehrten die Dorfgeher in ihre Häuschen zurück, den Vorgenuß der Sabbatruhe und Freude im Herzen nach mühsamer Wochenwanderung; denn nicht immer ging es gemütlich zu beim Verkauf, beim Nachtlager in irgend einem Bauernhause oder im Wandern auf der Landstraße. Trotz des im allgemeinen gutmütigen Charakters der Bevölkerung gegenüber den Dorfgehern, gab es genug ausgelassene Jugend, böswillige Mensehen, und namentlich Gendarmen, die nach Hausierpässen fahndeten. Auch fürstliche Jugend war nicht immer übermutfrei und da gedenke ich des alten Mosche Schumi Weil, den die Kinder eines fürstlichen Hauses in aller Gutmütigkeit im Schloßpark zu Boden warfen, sich mit ihm herumbalgten, um ihm dann seinen Binkel abzukaufen. Unter diesen Kindern war die nachmalige Gattin eines österreichischen hochadeligen Ministerpräsidenten. Alle Demütigungen und Mühen fanden beim Eintritt in den mehr als bescheidenen Wohnraum ihr Ende; das ebenerdige Häuschen, mit Stroh oder Schindeln gedeckt, der kleine Vorraum, entweder mit Ziegelsteinen gepflastert oder mit festgestampftem Lehm, anschließend eine niedrige, mit geblümten oder weiß getünchten Holzbalken gedeckte Stube, darin 2 mit hochgetürmten Bettstücken aufgebaute Bettstätten, ein Tisch, bescheidene Holzstühle, 2 Kleiderschränke, die Mann und Frau zur Hochzeit bekamen, ein Glaskasten, eine Kommode, gewöhnlich alt ererbt, noch im Barock- oder Biedermeierstil, endlich ein Zinnkasten, in dem das bessere Glas- und Essgeschirr, sehr häufig noch alte Zinnteller und die wenigen Silbersachen aufbewahrt wurden. An den Wänden hingen gewöhnlich ein M i s r a c h, ein Tableau, entweder lithographiert oder oft kunstvoll mit Scherenschnitt ä jour gemacht und auf dunkelblaues oder schwarzes Papier gespannt, mit 2 Löwen, die ein Schild in der Mitte hielten, darüber eine Krone; auf dem Schild in hebräischen Lettern das Wort: Misrach-Osten!, um zu

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