B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 8 (10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Funktionen in Sohulaufsicht ausübten und das Recht hatten, die Trauungen vorzunehmen, was den Lokalrabbinern nur im Wege der Delegation zustand; einer der bekanntesten aus nachmärzlicher Zeit war Guimann Klemperer, Vater der B. Br. Klemperer. Sie hielten auch ihre Schulen, die zum Teil kleine Privatschulen, zum Teil aber besonders in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Schulen mit Öffentlichkeitsrecht waren, und auch von den Kindern der Offiziere und Staatsbeamten besucht wurden. Die Lehrer und Rabbiner waren oft ganz tüchtige Menschen, so mancher brachte es auf der Stufenleiter ziemlich hoch. Allerdings waren die Verhältnisse in Mähr e n viel günstiger, da sowohl der Vorstand, als auch die politische Verfassung eine ungleich bessere gewesen ist. Die jüdischen Gruppen in kleineren Dörfern und Weilern vereinigten sich, um einen Lehrer zu halten, der gewöhnlich in der Stube eines besser situierten Genossen unterrichtete. Diese Privatschulen wurden von der Regierung geduldet, denn die Volksschulen selbst waren auf den Dörfern überfüllt, die Lehrer meist unfähig, selten pädagogisch geschult. In meinem Heimatsorte z. B. unterrichtete bis noch ca. um das Jahr 1860 ein ehemaliger Unteroffizier, der sein Bestes bot. Für das karge Gehalt, in einer kleinen Dorfstube unterrichtend, erzeugte er für die ganze Umgebung aus Galläpfeln und Eisenvitriol 'Tinte, verrichtete Schreibarbeiten gegen Lohn; das war seine hauptsächlichste Nahrungsquelle außer den Naturalien, die er von den Bauern erhielt. Die jüdischen Lehrer nannte man Booherim, trotzdem nur selten einer wirklich in einer Jeschiwah gewesen war; die Schule wurde Gheder genannt, nicht weil sie ein wirklicher Cheder war, wenn dort auch mindestens 2 Stunden im Tage hebräisch unterrichtet wurde, .sondern im Gegensatz zur christlichen Konkordats-Dorfschule, die, verdorben aus Normalschule, die Maschule hieß. Größtenteils waren die Lehrer Absolventen von Untergymnasien und Unterrealschulen, einzelne waren Schüler der von dem bekannten Winternitz geleiteten Normalschule in Prag oder jener in Schwarzkosteletz, oder endlich Studenten, die aus materiellen Gründen ihr Studium an den Hoch- und Mittelschulen nicht fortsetzen konnten oder sie eine Zeitlang unterbrachen und in dieser Zeit auf dem flachen Lande Nahrung und Unterkunft fanden. Der Lehrer war bei diesen armen Dorfjuden eine sehr geschätzte Persönlichkeit. Er erhielt ■bessere Kost als seine Auftraggeber selbst, er bezog ein für die kümmerlichen Verhältnisse seiner Schulgemeinde relativ hohes Gehalt. Ich will nur nebenbei erwähnen, daß der nachmalige Reichsratsabgeordnete und Präsident der Wiener Kultusgemeinde, der berühmte Schriftsteller und Politiker Ignatz K u r a n d a, Mitglied des Frankfurter Parlaments, in einer (kleinen jüdischen Gemeinde des Böhmerwaldes — Ckyn — während seiner Gymnasialzeit Bocher (Schullehrer) war. Auf dem bekannten Markte in Pilsen standen Bewerber um solche Posten in Reih und Glied auf der Straße und warteten auf die Baalebatim, die ihre pädagogischen Kenntnisse zunächst für ein halbes Jahr