Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1925-10-01 · 8 (10.1925) · p. Seite 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
8 (10.1925)
Date
1925-10-01
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9598139-9598372--0864-9598378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

222 (S „man") in Anspruch nehmen wollten. Neben vielen Minderwertigen waren darunter oft bemerkenswerte naturgewachsene pädagogische Talente. Ich kannte einen, der, ohne es gelernt zu haben, Taubstummen mit Erfolg Unterricht erteilte. Ein solcher Typus ist Lehrer Arnstein in Komperts „Am Pfluge". Für die meisten war der Schulberuf bloß ein Durohgangsposten, entweder im weiteren Studium oder zum Aufstieg in die kaufmännische Karriere; ein Beispiel dafür ist unser verstorbener Br. S. Steiner, der, nachdem er in Strakonitz Schulgehilfe gewesen war und in Reichenberg, wo damals noch wenige Juden wohnen durften, eine Privatlehr-Anstalt gehabt hatte, schließlich in Wien ein angesehener Industrieller wurde. Solange der Lehrer ledig war, ging es noch; hatte er Familie, dann mußte er allerdings häufig darben und es kann nicht Wunder nehmen, daß er manchmal zu allerlei kleinen Kunstgriffen unschuldiger Art greifen mußte, um ein paar Kreuzer mehr zu verdienen. Wenn uns Rakous einen Lehrer schildert, der bei Gelegenheit der Neujahrswunschbriefe der Kinder wegen einiger Kreuzer, die er für angeblich verdorbenes „Pracht-Papier" verlangte, den Unwillen eines Vaters erregte, so entstand das Modell zu dieser Erzählung dem bereits degenerierten Milieu der 80er Jahre, wo es mit dem Judentum auf dem flachen Lande schon ziemlich abwärts ging.*) Ich sah in mehier Jugend oft rührende Züge von Fürsorge, in ganz kleinen Gemeinden mit einigen recht armen jüdischen Familien in der Umgebung, .die jahrzehntelang eine Rabbinerwitwe und ihre zurückgebliebene Tochter erhalten haben und erinnere mich noch, wie ich in dieses ärmliche Stübchen im Gemeindehause zu allen möglichen Gelegenheiten in diskretester Weise Nahrungs- und Genußmittel, sowie warme Kleidung gebracht habe, die nicht ..gegeben", sondern „dagelassen" werden mußten. Die Lebenshaltung der Dorf juden war gewöhnlich recht kümmerlich; die meisten waren Hausierer oder — wie man es nannte — Dorfgeher. Da gab es verschiedene Kategorien: Solche, die den Stadtbewohnern Altzeug abkauften, den Dorfbewohnern Naturprodukte oder Abfälle, Federn, Ziegen- und Hasenfelle, Lumpen, altes Eisen von landwirtschaftlichen Geräten, Tressen, Silberborten und Hauben. Schafwolle wurde schon von den besser Situierten eingekauft; in den 50er und 60er Jahren war die Wollproduktion, ehe die australische Wolle auftrat, eine ziemlich große. Mein Großvater mütterlicherseits war der Vertrauensmann des Fürsten Alfred Windischgrätz, des berüchtigten Bombardierers von Prag und Wien, auf dessen Gute Stekna bei Strakonitz, das sich hauptsächlich mit Schafzucht befaßte. Zu bestimmten Zeiten im Jahre fuhr er mit einer Reihe von mit Schafwolle beladenen Wa^en, selbst auf einem Wagen sitzend und Mischna lesend, zum Pilsner Markte. Auch ich fuhr auf einem Wollsackthron zur Aufnahme ins Gymnasium. *) Das Schreiben dieser kalligraphischen Neujahrs wünsche beschäftigte wochenlang Schüler und Lehrer und die feierliche Überreichung am 1. R'Osch-Haschana-Abend bildete den Gipfel der Festesweihe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.