B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 8 (10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Umgebung, welche dem westlichen Juden einen besonderen Charakter aufgedrückt haben. Es ist nicht uninteressant zu sehen, daß es wohl mehr oder minder wertvolle Ghetto-Geschichten in deutscher Sprache gegeben hat, wie die von Samuel Kohn, Leopold Kompert, Babette Fried, S. Kulke u. a., und wie sich auch die ältere deutsche Literatur mit dem eigentlichen Ghetto-Leben besonders mit dem des Prager Ghettos befaßte, z. B. Alfred Meißner in seinem Roman „Lemberger und Sohn", aber die Dorf juden in den kleinen deutschen Gemeinden und Dörfern blieben ohne Schilderer. Nur gerade dem cechischen Dorfjuden widerfuhr die Ehre, von drei bedeutenden Schriftstellern studiert und beschrieben worden zu sein, eben von Leopold Kompert und Moritz Hartmann in deutscher und von Vojtech Rakous in cechischer Sprache. Dies regt zum Nachdenken an und läßt sich nur aus der geschichtlichen Entwicklung verstehen. Wie entstand der böhmische Dorfjude? — Bis zum Jahre 1476 saßen die Juden fast nur in der Hauptstadt und in den größeren Städten des Landes, meistens in den königlichen Städten. Sie bildeten auch kleinere Gemeinden in obrigkeitlichen Städten, wie in Strakonitz, aber es ist keine Nachricht vorhanden, daß sie in beträchtlicher Zahl auch zerstreut in den Dörfern gelebt hätten, in den später sogenannten Jeschuwim. Nach Deutschland kamen die Juden schon mit den römischen Legionen, deshalb die ersten Ansiedlimgen am Rhein. Von da zogen sie die Straßen größtenteils längs der Nebenflüsse des Rheins, offenbar den Main entlang, an die böhmische Grenze und siedelten sich dann in Böhmen, zunächst am Fuße der Burgen, den Ansätzen der Städte, an. Die Ehescheidungsformel des Prager Rabbinats, welche sich an bestimmte örtliche Kennzeichen stützen muß, spricht heute noch immer von der Gemeinde am Boticbach, am Fuße des Vysehrad und nicht von der Stätte, an der das heutige Prag steht. Die Juden waren Kaufleute und betrieben das bessere Handwerk bis zum Jahre 1476. Sie waren Schaubenmacher. Gold- und Silbersehnriede. Färber, imd die alten Namen Perlhefter. Gollerstepper, Färber deuten auf die Beschäftigung ihrer Vorfahren hin. Um die erwähnte Zeit entwickelte sich auch schon ein einheimischer Gewerbestand und es trat ein, was immer in solchen Fällen eintritt; der Jude wurde unter allen möglichen Vorwänden belästigt und bedrängt und schließlich aus den Städten vertrieben. Den unmittelbaren Anlaß gab wieder eine Ritualmord-Beschuldigung, die von der Schremser Gegend in Österreich sich über die böhmische Grenze verbreitete. Das habsburgische Österreich war damals wie heute vom Königreich Böhmen durch staatliche Grenzen getrennt, aber die Lüge kennt keine staatlichen Grenzen und so kam es, daß den Budweiser Juden der Prozeß gemacht wurde. Zu allererst wurden ihnen alle Kleinodien weggenommen und in einem Fäßchen im Rathause verwahrt. Durch die Aussicht auf den Mitbesitz dieser Kleinodien wurde nach langem Widerstreben König Vladislav Jagello vermocht, diesem Prozeß freien Lauf zu lassen. Eine Anzahl von Juden wurde an verschiedenen Orten verbrannt, die Budweiser Juden vertrieben (s. Jar.