B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 7 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Im Frühjahre kehrte ich nach Ohio zurück und besuchte meinen Onkel, der in Norwalk, Ohio, ein Schnitt Warengeschäft betrieb. Der Onkel hatte anscheinend große Freude über meinen Besuch und sagte mir: „Du bist gerade der Bursch, den ich brauchen kann." Er beabsichtigte irgendwo ein Zweiggeschäft zu eröffnen und wünschte, daß ich es für ihn leiten solle. Wir wurden bald über die Bedingungen einig. Er mietete ein Geschäft in Hudson, Michigan, ich leitete es bis zum Oktober 1871 und machte gute Geschäfte. In Hudson. Michigan, war es, wo ich in die Freimauerer- und Odd Fellowlogen eintrat. Ich kannte bald fast jeden Menschen in der Stadt und die meisten Farmer auf dem Lande. Dort sammelte ich auch meine ersten Erfahrungen in der Politik. Ein junger Anwalt, mit dem ich jeden Abend Schach spielte, was nebenbei gesagt, so ziemlich das einzige Vergnügen war, das ich mir damals erlaubte, hatte den Ehrgeiz, Staatsanwalt für diese Landschaft zu werden. Die Ernennung war an eine Wahl gebunden. Ich wurde für die Wahl sein Manager und organisierte einen politischen Klub der jungen Leute. Der Anwalt wurde gewählt und ernannt. Nach der Wahl sagte er zu mir, in dem Schnittwarengeschäft sei keine Zukunft für mich, und er drängte mich, die Rechte zu studieren. Zu der Zeit, wo seine Amtsdauer ablaufe, könne ich als Anwalt bei Gericht zugelassen werden und dann könnten wir in Kompagnie gehen. Damit ein guter Anfang gemacht werde, solle ich erst einmal aufhören Schach zu spielen, ich solle Jus studieren und er werde mein Instruktor sein. Kaum war dieser Plan gefaßt, als mich in der ersten Woche des Oktober 1871 mein Onkel benachrichtigte, er habe sich entschlossen, das Geschäft aufzugeben und mit seiner Familie nach Europa zurückzukehren. Er stellte mir den Antrag, mir das Geschäft in Hudson auf Kredit zu verkaufen. Ich hatte das Gefühl, daß ich diesen Antrag nicht annehmen könne. So wurde das Geschäft in Hudson verkauft und ich stand wieder ohne Beruf da. Einige Tage später las ich in der Chicago Times von dem großen Brand in Chicago. Einige Tage lang berichteten die Zeitungen, daß Chicago noch immer in Flammen stehe, und endlich, daß man des Feuers Herr geworden sei. Eine große Stadt in Asche! Fabriken, Geschäfte, öffentliche Gebäude, Privathäuser, Vermögenswerte, Denkmäler eines halben Jahrhunderts menschlicher Bemühung, alles war zerstört. Nur die Hoffnung nicht. Die Stadt würde sicher neu aufgebaut werden und in dieser Stadt, so entschied auch ich mich, wollte ich mein Heim bauen. Bei meiner Ankunft warfen die Löschmaschinen noch immer Wassermassen auf die Ruinen. Ein Herr, an den ich einen Einführungsbrief bekommen hatte, empfahl mir ein Boarding House an der Nordwestecke des Washington Boulevards und der Green Street, eine Gegend, die das Feuer nicht erreicht hatte. Dorthin ging ich. An der Ecke stand ein Gebäude, das damals für ein hübsches, modernes Wohnhaus gelten konnte. Der Eigentümer hatte die Eckwohnung inne und vermietete den westlichen Teil des Gebäudes an eine Dame, die ein Boarding House betrieb. Ich mietete dort ein Zimmer und verbrachte dort einige Wochen. Einige Jahre später erfuhr ich, daß dieses Doppelhaus, das ein gemeinsames Dach hatte, einem Mr. S. Stein gehöre, der