B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (6.1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 178 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Als der Winter vorüber war, sagte mein Brotherr, er würde mir gern einen Posten in seiner Fabrik geben, aber es würden dort keine Ausländer beschäftigt. Er fragte mich nach meinen Plänen für die Zukunft und ich antwortete, ich möchte gern nach dem Westen gehen. Er gab mir 50 Dollars. Ich dankte ihm vom ganzen Herzen und reiste nach Painesville, Ohio, ab, wo ein Verwandter von mir lebte, der ein Schnittwarengeschäft betrieb. Dieser nahm mich freundlich auf und stellte mich als Kommis in seinem Laden an. Inzwischen hatte ich das Englische ausreichend genug erlernt, um als Verkäufer tätig zu sein. Ich bekam von meinem Verwandten freie Wohnung und Verpflegung und am Ende des ersten Monates händigte er mir fünf Dollar als Gehalt ein, am Ende des nächsten Monates ebensoviel. Diesmal sagte ich zu ihm: „Ich kann nicht für fünf Dollai monatlich arbeiten. Ich muß meine Kleider bezahlen, ich muß mehr Geld verdienen." Seine Antwort lautete: „Very well, versuch' es anderswo, du bist entlassen." In weniger als einer Stunde stand ich in einem anderen Laden hinter dem Pulte, mit einem Gehalt von zehn Dollars wöchentlich, wogegen ich Wohnung und Verpflegung zu bezahlen hatte. Als ich am Abend in das Haus meines Verwandten zurückkam, um meine Sachen zu packen, forderte er mich auf, am nächsten Tage wieder ins Geschäft zu kommen, er werde mir zehn Dollars monatlich zahlen. Ich dankte ihm, sagte ihm aber, ich hätte einen besseren Posten gefunden. Im Frühjahr 1868 verließ ich Painesville in der Hoffnung, meine Stellung zu verbessern und ging nach Cleveland. Einige Tage lang ging ich erfolglos von Geschäft zu Geschäft, ohne daß es mir gelang, eine Stellung als Verkäufer zu finden. Schließlich kam ich zu Herrn N. N«, den ich um eine Ausstellung als Verkäufer in seinem Schuhgeschäfte in Ontariastreet bat. Herr N. N. sagte mir: „Ich ha' schon mehr Kommis als Kundschaften." Ich entgegnete: „In Cleveland gibt es sehr viele Böhmen, ich spreche böhmisch und kann Ihnen einen großen Zulauf von böhmischen Kundschaften verschaffen." Das interessierte ihn sofort und er sagte mir, ich solle am nächsten Morgen meinen Posten antreten. Ich verstand nichts vom Schuhgeschäft und wünschte aus diesem Grunde, mich für meine Arbeit einigermaßen vorzubereiten. Deshalb bat ich ihn, mir eine Woche Zeit zu lassen und er willigte ein. Ich ging dann nach der sogenannten West Side und fand dort ein Schuhgeschäft, das einem Glaubensgenossen gehörte. Diesem erklärte ich die Situation und bat ihn um die Erlaubnis, einige Tage ohne Bezahlung in seinem Laden zu arbeiten, damit ich etwas vom Geschäft erlerne, bevor ich meinen neuen Posten antrete. Er willigte gerne ein und ging mir in den nächsten Tagen, soweit er konnte, freundschaftlich an die Hand. Darauf ging ich zu dem Herausgeber einer böhmischen Zeitung und ließ folgende Annonce einschalten: „Unser Landsmann, Herr Adolf Kraus, hat einen Posten als Verkäufer in dem Schuhgeschäfte des Herrn N. N., Ontario Street, angenommen." Am nächsten Morgen nach dieser Anzeige kam eine Menge böhmischer Frauen in das Geschäft in der Ontario Street, um zu kaufen. Herr N. N. wies mir sofort einen anderen Kommis zu, der mir assistieren sollte, und am Ende der Woche bekam ich zwanzig Dollar aus-