Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1925-06-01 · 6 (6.1925) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
6 (6.1925)
Date
1925-06-01
Page
Seite 177 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9598139-9598306--0817-9598331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

177 einer anderen Stadt in der Nähe Arbeit zu suchen. Ich schlugzuerst die Richtung nach West Häven ein. Ungefähr in der Mitte des Weges von New Häven nach West Häven kam in an einem ländlichen Geschäfte vorüber. Es herrschte strenge Kälte, ich war hungrig und hatte nur noch zwei Penny in der Tasche. Ich trat in den Laden, um zu sehen, was ich dafür kaufen könnte. Es gab große, prachtvolle Äpfel und ich fragte den Krämer, wieviel so ein Apfel kostet. „Zwei Cents," sagte er. ,.Das ist mein ganzes Geld; könnte ich nicht einen kleineren für einen Cent bekommen?-" Der Krämer schaute mich an und dann sagte er: ..Sie können zwei Äpfel für einen Cent haben." 1 Ich habe seit dieser Zeit so manchen Apfel verzehrt, aber keiner hat mir so herrlich gesclhmeokt wie die zwei, die mir der Krämer damals gab. Als die Äpfel verzehrt waren, setzte ich mich dem letzten Penny in der Tasche meine Wanderung fort, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wohin es ging und was aus mir werden würde. Als ich so die Straße entlang ging, fuhr ein Herr in einem Schlitten vorüber. Er hielt an und fragte mich, ob er mich ein Stück mitnehmen solle. Ich nahm die, Einladung an und er fragte mich, wohin ich wandere. Da erzählte ich ihm. ich wüßte selber nicht, ich sei auf der Suche nach Arbeit, Er fragte, ob ich Pferde striegeln könne, und ich erklärte, ich könnte es ja lernen. .,Ich will's mit Ihnen versuchen," sagte er und an diesem Abend bekam ich meine erste Lehrstunde im Umgang mit Pferden. Einige Tage später wurde der Weihnachtsabend gefeiert; mein Brotgeber lud mich ein. mit der Familie in die Kirche zu gehen. Die Kirche war überfüllt von Leuten und bei der Kanzel stand ein mächtiger Weihnachtsbaum mit Geschenken beladen. Als der Gottesdienst vorüber war. rief der Geistliche alle diejenigen mit Namen, für welche Geschenke auf den Baum gehängt worden waren. Einer nach dem anderen trat vor und empfing sein Weihnachtsgeschenk. Es müssen mindestens 500 Leute in der Kirche gewesen sein. Ich war der einzige in der ganzen Menge, der nichts bekam. Ich hatte auch nicht erwartet, ein Geschenk zu bekommen, und diese Tatsache hatte weiter keinen Einfluß auf mein Gefühlsleben, aber irgendwie kam es mir bei diesem Anlaß zum Bewußtsein, wie ich so ganz allein stand, ein Fremder zwischen Fremden, wie fern von allen denen, die mir lieb und teuer waren, und die Tränen, die ich nicht unterdrücken konnte, traten mir in-die Augen. Ein paar Tage später fragte mich mein Herr, wo ich geboren war. was für eine Erziehung ich genossen hatte, ob ich die deutsche Grammatik kenne u. s. w. Ich beantwortete seine Fragen und daraufhin sagte mein Brotgeber, Eigentümer eines großen Fabriksunternehmens, zu mir: ..Sie haben zwar den besten Willen die Pflege der Pferde zu erlernen, aber ich habe keine Zeit, Sie zu unterweisen. Ich werde einen Jungen aufnehmen, der so etwas versteht, aber wenn Sie wollen, können Sie über den Winter bei mir bleiben und meine Kinder im Deutschen unterrichten.•• Und so wurde der Stalljunge für den Wmter in einen Deutschlehrer verwandelt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.