B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (6.1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 174 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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174 mein ganzes Vermögen. Es war aber mehr, als so mancher andere Zwischendeckpassagier besaß. Ich wickelte eines von den Zehndollarstücken in ein Papier und ließ es in dem Korb dem Hausierer hinunter; dafür bekam ich eine Pastete. Als ich das Kleingeld zählte, fand ich elf Dollar achtzig Cent. Ich sagte zu dem Hausierer: „Sie haben mir zuviel Geld herausgegeben": er erwiderte: „Sie sind jetzt in Amerika, behalten Sie sich ruhig das Kleingeld." Ich wunderte mich über einen solchen Edelmut und sagte zu einem anderen Passagier: „Was für ein Avundervolles gesegnetes Land ist doch Amerika, so was hätte nirgends wo anders in der Welt passieren können." Nachdem ich gelandet war, erfuhr ich bald, daß ein goldenes Zehndollarstück, wie ich es dem Hausierer gegeben hatte, 13 Dollar 50 et*. Papiergeld wert war und daß ich bei dem Pastetengescnäft betrogen worden war. Nach der Landung erwartete mich mein Bruder Markus in Castle Garden. Einer der ersten Menschen, die ich erblickte, war ein Neger, und da ich noch niemals vorher einen solchen gesehen hatte, interessierte ich mich lebhaft für ihn, aber mein Interesse wurde schnell geringer, als ich ihrer sehr viele zu Gesicht bekam. Ein Onkel mütterlicherseits und eine Tante väterlicherseits wohnten in New York. Markus nahm mich mit, um ihnen unsere Aufwartung zu machen und am nächsten Tage nahm er mich nach Springfield, Massachusetts mit, wo Markus bei einer deutschen Familie wohnte, und teilte sein Bett mit mir. Markus war in einer Uhrkettenfabrik angestellt und verschaffte mir dort eine Lehrlingsstelle. Am Ende der ersten Woche erhielt ich drei Dollars Lohn. Für Wohnung, Wäsche und Verpflegung hatte ich fünf Dollar zu zahlen. Markus beglich die Differenz. Als ich vier Wochen gearbeitet hatte, fragte ich Markus, wie lange ich noch um drei Dollar Wochenlohn arbeiten müsse. „Ein Jahr", sagte Markus „und wieviel werde ich im nächsten Jahre bekommen?", fragte ich weiter. ..vier Dollar in der Woche" und „im Jahr darauf?" „fünf Dollars." „Und was dann?" „Dann ist die Lehrzeit vorüber, du wirst als ausgelernter Arbeiter angesehen und fünfzehn Dollars wöchentlich bekommen." „Was dann?" „Es gibt kein Dann mehr, höchstens kannst du ein Werkmeister werden und 25 ßollar in der Woche bekommen." „Ich will kein Werkmeister werden. Ich trete jetzt aus." „Was wirst du anfangen?" „Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich hier nicht länger arbeiten werde; hier ist keine Zukunft für mich." Ich verließ Springfield und ging nach New York, wo ich meinen Onkel, den Bruder meiner. Mutter, aufsuchte. Ich empfing von ihm wenig Ermutigung, im Gegenteil, er wurde sehr ärgerlich. Er sagte mir, daß ich nichts tauge, ich hätte sollen in Springfield bleiben und das Handwerk lernen. Er würde sich nicht wundern, wenn er mich eines Tages am Galgen sehen würde. Ich sagte: „Du kannst recht haben, aber wenn du mich dort sehen wirst, dann werde ich der Sheriff sein."