B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (6.1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Mutterlaaide sich kaum über die Grenze von Judäa erstreckte, so bleibt es rätselhaft, wie die jüdische Sibylle 140 v. Chr. sagen konnte, daß jegliches Land und jegliches Meer vom jüdischen Volke erfüllt sei. Der Überschuß an Geburten kann dieses vielumstrittene Problem nicht lösen. Es muß somit eine kräftige Propaganda eingesetzt haben, deren Gelingen um so bemerkenswerter ist, als die Juden in der griechischrömischen Welt auf keine Sympathien stießen und die Aufnahme in den jüdischen Religionsverband mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden war. Man nimmt deshalb an, daß die berufenen Vertreter der jüdischen Mission dadurch so große Erfolge erzielten, daß sie die reine Gottesidee verkündigten, daß sie durch die Begriffe des Heiligen und des Sittlichen dem Bedürfnis des religiös gestimmten Gemütes, sich von Übel und Sünde zu befreien, entgegenkamen und daß sie das ganze Zeremonialgesetz mit seinen Opfern und Reinigungsvorschriften als eine Umsetzung, Verkörperung und Symbolisierung des Heiligen im Leben deuteten. Dazu kam noch, daß die jüdische Propaganda durch die damals allgemein bestehende Empfänglichkeit für die orientalischen Kulte überhaupt begünstigt wurde. Freilich gelangten diese Versuche zur ..Einschränkung des Judentums" weniger im vorwiegend partikularistisch gesinnten Mutterlande Palästina zur Ausführung als in den Ländern der Diaspora, wo der universalistische Charakter der prophetischen Reden des Deutero-Jesaias, der es Israel auf die Seele bindet, „Gesetz und Recht den Völkern zu verkündigen und ein Licht für die Heiden zu werden", in seinem ganzen Ernste erfaßt wurde und zur jüdischen Propaganda führte, die sich in vielen Fällen damit begnügte, den Heiden den jüdischen Monotheismus, die Begriffe des Heiligen und Sittlichen sowie die Sabbatheiligung zu vermitteln. Josephus weist in seiner Schrift gegen den Haupt Vertreter des alexandrinischen Antisemitismus darauf hin, wenn er sagt: „Viele der Hellenen sind zu unseren Gesetzen übergegangen: die einen sind dabei geblieben, andere, welche der Standhaftigkeit nicht fähig waren, sind wieder abgefallen. Auch bei der Menge ist schon seit langem ein großer Eifer für unsere Gottesverehrung zu finden und es gibt keine Stadt, weder bei Hellenen noch bei Barbaren, noch sonst irgendwo und kein Volk, wohin nicht die Sabbatfeier, wie wir sie haben, gedrungen wäre und das Fasten und das Anzünden der Lichter und viele unserer Speiseverbote beobachtet würden." So berichten auch Seneca und Cassius Dio. Man begnügte sich in der jüdischen Propaganda mit dem Möglichen und es finden sich Stellen in der jüdischhellenistischen Literatur, wo statt der Beschneidung nur ein Reinigungsbad gefordert wird. Diese jüdische Mission erregte gewiß in der griechisch-römischen Welt Mißbehagen und trug dazu bei, das Verhältnis zu den Juden zu verschlechtern, wie aus dem Spotte Juvenals über die zum Judentume Bekehrten in der 14. Satire hervorgeht. Aber auch in jüdischen Kreisen blickte man mißtrauisch auf diese Propaganda und nach der Zerstörung Jerusalems empfand man die Proselyten nach einem Ausspruche des babylonischen Talmuds als einen Aussatz am Leibe des Judentums. Diese so scharf formulierte Abneigung gegen die Proselytenmacherei hat sich bis in die Gegenwart im Judentume erhalten.