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B'nai B'rith · 1925-02-01 · 2 (2.1925) · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
2 (2.1925)
Date
1925-02-01
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 sie jedem einzelnen vorschreibt, noch überdem eine Fahne der Tugend als Vereinigungspunkt für alle, die das Gute lieben, ausgesteckt, um sich darunter zu versammeln und so über das sie rastlos anfechtende Böse die Oberhand zu bekommen. Aus einer solchen Verbindung der Menschen unter bloßen Tugendgesetzen ist der Sieg des guten Prinzips zu erhoffen. Eine solche ethische Gesellschaft ist eine dem Range nach höhere und dem Umfange nach umfassendere als die bürgerlichrechtliche in den Grenzen des Volkstums und des Staates, denn sie umfaßt in der Idee das ganze Menschengeschlecht. Der Begriff eines ethischen Gemeinwesens innerhalb des Judentums drückt vielleicht das Wesen unseres Ordens B'nai B'rith aus. Das Judentum als das Produkt einer Jahrtausende währenden seelischen Entwicklung eines Volkes, das unter verschiedenen Kulturen lebte und sie seinem Geiste angepaßt hat, läßt sich nicht auf eine Formel bringen. Alle Offenbarungen des Menschengeistes finden wir im Judentum: Phantasie und Vernunft, Gemüt und Geist, Religion und Moral. Priesterkult und Prophetengeist, Gesetzes- und Gesinnungsreligion, Nationalismus und Weltbürgertum, Materialismus und Märtyrertum. Je nach den äußeren ökonomischen und den inneren kulturellen Bedingungen wird bald die eine, bald die andere der konstitutiven Kräfte und geistigen Mächte innerhalb des Judentums den Vorrang gewinnen. Der Orden B'nai B'rith will innerhalb des vielgestaltigen Judentums die rein ethische Seite repräsentieren und dem ethischen Prinzip in der Judenheit und dadurch auch in der Menschheit zum Siege verhelfen. Alle Juden sind der Abstammung nach Bne Berith. Aber auch der B'nai B'rith-Gedanke'hat seine geschichtliche Entwicklung: er zeigt sich in kultischer Form im Bundeszeichen Abrahams und wird nationalexklusiv im Verhalten der Jakobssöhne zur heidnischen Umwelt; er erhält ein religiös-moralisches Gepräge in der sinaitischen Offenbarung und wird dann rein ethisch und universalistisch gefaßt in der Predigt der Propheten und in der Philosophie eines Maimonides, H. Cohens und W. Jarusalems, der vor Jahren in der w. „Bohemia" den B'nai B'rith- Gedanken entwicklungsgeschichtlich beleuchtet hat. Da ist es denn natürlich, weil in der geschichtlichen Entwicklung gelegen, daß, wie in der bürgerlich-rechtlichen Sphäre ethische Gesellschaften entstehen, so auch innerhalb der national und religiös differenzierten Judenheit Vereinigungen von Juden sich bilden, die den B'nai B'rith-Gedanken in seiner rein ethischen Fassung pflegen und so den allmählichen Sieg des „guten Prinzips" im Judentum und in der Menschheitskultur vorbereiten wollen. Dem „guten Prinzip" oder dem ethischen B'nai B'rith-Gedanken wohnt eine werbende, einigende Kraft inne, er sammelt unter seine „Tugendfahne" Juden aller Denk- und Spielarten: Ritual-, National-, Pietäts- und Schicksalsjuden. Allen wird Gedankenfreiheit gewährt und bei allen wird Überzeugungstreue geschätzt. Philosophisch können sie verschieden orientiert sein: an Spinoza oder an Kant, an Leibniz oder an Schopenhauer, an Spencer oder an Brentano, an Maimonides oder am Bai Schern. Selbst über die Moral, die eigentliche Domäne des B'nai B'rith-Gedankens, über Ursprung und Begründung der Moral wie über Ursprung und Auffassung des Judentums dürfen sie je nach ihrer

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