B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 2 (2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 philosophischen Richtung als Idealisten oder Evolutionisten, als Rationalisten oder Mystiker verschiedener Ansicht sein; nur die Moral als solche oder das Judentum als solches zu negieren, würde ihnen in einer ethischen Gesellschaft von Juden für Juden nicht gut stehen. Ist die Begriffsbestimmung unseres Ordens als einer ethischen Gesellschaft, die unter den Tugendgesetzen steht, richtig, so ergeben sich daraus auch die Forderungen der Kantschen Ethik als Richtlinien unseres Ordens. Demgemäß verlangt die Ordensidee, daß jeder Angehörige des Ordens nach der Maxime des Wohlwollens, der Brüderlichkeit und Eintracht handle, weil diese Maximen geeignet sind, die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung zu werden. — erst im engeren Kreise der Brüder, dann im weiteren aller ,.Söhne des Bundes", sodann im weitesten der Menschheit. Zu dem Zwecke muß der Einzelne erst aus dem ..ethischen Naturzustände, wo jeder sich selbst nach Neigung und Sympathie das Tugendgesetz gibt, heraustreten, sein ethisches Denken schulen, seine Neigungen in Zucht nehmen, bevor er befähigt wird, die Maximen des Ordens W. B. und E. vollständig in seine praktische Vernunft aufzunehmen. Dann erst kann und wird, was uns anfangs als Gebot der Autorität, als Forderung der Ordensdisziplin, als Machtwort heteronom dünkt, die innere Sanktion, die Weihe der Autonomie erhalten und aus uns selbst heraus als „Liebespflicht" getas werden, frei von 'jedem Lohngedanken, aus reiner Gesinnung, mit gutem Willen. So wird uns der Orden und die frei gewollte Zugehörigkeit zur Loge eine hohe Schule der Moral. Hier lernen wir in jedem Bruder das Judentum in seiner ethischen Vollkommenheit, das Edel- Menschliche, bei aller sonstigen Differenziertheit schätzen; hier gilt uns der andere, der Mitmensch, nicht als „Mittel" zum Erwerb, als Hebel auf der Stufenleiter des Erfolges: hier werten wir die anderen nicht nach Stand und Rang, nach Hab und Gut: hier gilt jeder nach seiner Persönlichkeit, die wir nach ihrem inneren Gehalt an Wissen und Gewissen, an Geist oder Gesinnung, an Mitarbeit und Leistungen für die engere und weitere Gemeinschaft bewerten. In der ethischen Gemeinschaft der Loge sollen die natur- und geschichtsgegebenen Differenzen, die sprachlichen, nationalen und religiösen Gegensätze, die verschiedenen jüdischen Bewußtseinsarten und Weltanschauungen durch ein gemeinsames Ethos, durch das Sittengebot des Wohlwollens, der Brüderlichkeit und Eintracht gemildert, überbrückt und ausgeglichen werden, um auch draußen in der bürgerlich-rechtlichen Sphäre der ethischen Gestaltung des Lebens und im jüdischen Gemeinde- und Volksleben dem guten Prinzip zum Siege zu verhelfen. Achad Haam, unser Nationalphilosoph, hat einmal gesagt: „Bar Modernen saget: draußen Menschen, drinnen Juden sein: richtiger jedoch ist: seid drinnen Menschen und draußen Juden. Ähnlich dürfen wir (mit unserem w. Mentor) sagen: seid in der Loge immerhin Parteileute: orthodoxe oder fortschrittliche, religiöse oder nationale Juden, aber draußen seid vor allem und in allem B. Br., ethische Juden, Edelmenschen. Der Orden und jede einzelne Loge ist schließlich auch die beste Pflegestätte der Moral, wo jeder reichlich Gelegenheit findet, die Kantsche Synthese des Sittengebotes zu vollziehen: die eigene Vervoll-