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B'nai B'rith · 1925-02-01 · 2 (2.1925) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
2 (2.1925)
Date
1925-02-01
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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sollst" keinen Sinn, gleichviel ob das „du sollst" als Gottes Gebot an uns heran oder als Diktat der praktischen Vernunft aus uns hervortritt, Das Judentum nimmt den Weg von der religiösen zur ethischen Betrachtung. Kant schlägt den umgekehrten Weg ein. Das für ihn unumstößliche Faktum des Sittengesetzes gibt uns die Befugnis, uns in eine höhere als bloß phänomenale Ordnung der Dinge hineinzudenken und in ein anderes als bloß mechanisches Kausalitätsverhältnis zu versetzen, gibt uns das Recht, uns als freies, gesetzgebendes Glied einer übersinnlichen, intelligiblen Welt zu betrachten. So führt uns das Moralgesetz bei Kant zur Religion, zu den heiligen drei Ideen: Freiheit, Gott, Unsterblichkeit. So wird die Moral zum Fundament der Religion, die nach Kant darin besteht, daß wir die sittlichen Gebote so betrachten als wären sie göttliche Gebote. Sie dürfen als göttliche Gebote angesehen werden, weil sie notwendige Vernunftgesetze sind. Die Religion unterscheidet sich nur formell, nicht inhaltlich, von der Moral, fügt zu dem selbsterkannten Pflichtbegriff die Idee Gottes als eines moralischen Gesetzgebers hinzu und stärkt dadurch den Einfluß der verstandesgemäßen Pflicht auf den Willen und das moralische Handeln. Die Religion — eine Erzieherin zur Sittlichkeit, Man hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts in jüdisch-literarischen Kreisen, als man zugunsten der bürgerlichen Emanzipation auch eine innerreligiöse anbahnen wollte, unter dem Einfluß der Kantschen Philosophie der jüdischen Religion nur noch die bescheidene Funktion eines Schulmeisters der Moral gegönnt. Aber bald besann sich das Judentum auch hierin auf sein wahres Wesen als eines Wegweisers in die unendliche Tiefe der menschlichen Seele und zur sonnigen Höhe der Welt der Ideen: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, als eines erfahrenen Wegweisers, der den Blick auch auf die Dinge dieser Welt und dieses Lebens hinlenkt, um das individuelle und soziale Leben höher zu heben, zu heiligen. Die Religion des Judentums ist mehr als eine Erzieherin zur Moral, sie ist kosmische Einstellung, hypernaturalistisch, hyperrationalistisch, überethisch. Bei Kant bleibt „die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" gebannt. Von diesem so benannten religionsphilosophischen Werke Kants eröffnet sich uns auch ein weiter Ausblick und Einblick in das Wesen unseres Ordens. Kant sagt: Das Leben ist ein Kampf, den jeder moralisch wohlgesinnte Mensch unter der Anführung des guten Prinzips gegen die Anfechtungen des bösen bestehen muß. Die Anfechtungen des bösen Prinzips (Neid, Haß, Habgier, Herrschsucht) rühren weniger aus der Natur des Menschen als aus der Reflexion, aus dem Vergleichen mit anderen, aus der Meinung, die die anderen etwa über ihn hegen, also aus dem sozialen Zusammenleben her. Wie auch umgekehrt. „Die Herrschaft des guten Prinzips ist nicht anders erreichbar als durch Errichtung und Ausbreitung einer Gesellschaft nach Tugendgesetzen und zum Behufe derselben, einer Gesellschaft, die dem ganzen Menschengeschlecht in ihrem Umfange sie zu beschließen, durch die Vernunft zur Aufgabe und zur Pflicht gemacht wird." Es ist — sagt Kant ferner — von der moralisch-gesetzgebenden Vernunft außer den Gesetzen, die

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